Iberiana – იბერია გუშინ, დღეს, ხვალ

სოჭი, აფხაზეთი, სამაჩაბლო, დვალეთი, ჰერეთი, მესხეთი, ჯავახეთი, ტაო-კლარჯეთი იყო და მუდამ იქნება საქართველო!!!

•Deutsche Reisende in Georgien

 

Gia Gelaschwili

  

Deutsche Reisende in Georgien im 18. und 19. Jahrhundert1

 

Fur das Studium der Geschichte Georgiens sind neben georgischen Quellen die Berichte auslandischer Schriftsteller und Reisender von großter Bedeutung. Erst der Vergleich beider erlaubt ein wahres Bild. Insbesondere, soweit die Schilderungen von hochgebildeten wissenschaftlichen Reisenden stammen. Ich kann hier nur kurz wichtige Berichte von Auslandern aus fruheren Zeiten streifen:

Die Erforschung der georgischen Vergangenheit ist ohne Heranziehung griechischer und byzantinischer Quellen unmoglich. Das gleiche gilt fur persische, arabische und turkische Zeugnisse. Von großer Bedeutung sind zudem armenische Geschichtsschreiber, und nicht zuletzt sei auf russische Uberlieferungen hingewiesen.

Weiter mochte ich wenigstens einige der bedeutendsten westeuropaischen Reisenden aus Italien, beziehungsweise Frankreich erwahnen, die im spaten Mittelalter und in der Neuzeit Georgien bereisten und daruber berichteten: der Franzose Rubruk (?1255), die Italiener Marco Polo (?1295), Contarini (1474-76), Pietro della Valle (1615-23), Lamberti (1630-50), Castelli (1632-50) und die Franzosen Chardin (1672-73), Tournefort (1801), Gamba (1820-24).

Von den sowjetischen Forschern nenne ich M. Polievktov. Von ihm stammt die grundlegende Bibliographie („Die europaischen Reisenden im Kaukasus vom 13ten bis 18ten Jahrhundert“, Tiflis, 1935, und „Die europaischen Reisenden im Kaukasus 1800-1830“, Tiflis, 1946).

In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts grundete die Akademie der Wissenschaften Georgiens eine Kommission, die auslandische Quellen erforschte und zahlreiche Bucher veroffentlichte. Diese Arbeit wird bis heute fortgefuhrt.

Ich beschranke mich auf die deutschen Reisenden, die ab 1770 bis Mitte des 19. Jahrhunderts sehr kenntnisreich uber Georgien berichtet haben.

Die deutschen Quellen des 18. Jahrhunderts kann man in zwei Gruppen teilen: Die erste Gruppe bilden Teilnehmer an Expeditionen, die die russische Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg ausstattete. Sie fuhrten einen politischen, okonomischen Auftrag im Rahmen der russischen Expansion sowohl nach dem Osten wie nach dem Suden des Zarenreiches aus. Geleitet wurden diese Expeditionen von eingeladenen deutschen Wissenschaftlern, die regelmaßig zu Mitgliedern der Akademie ernannt wurden.

Die erste Expedition fuhrte Johan Anton Guldenstadt in den Jahren 1768-1775 nach dem Nordkaukasus und Georgien. In Georgien hielt er sich von September 1771 bis Februar 1772 auf. Er wurde personlich von Irakli II., Konig von Ostgeorgien, und von Solomon I., Konig von Imeretien, empfangen. Mit ihrer Hilfe reiste er fast durch ganz Georgien. Er hat reichhaltiges Material hinterlassen: Tagebucher, Berichte an die Akademie, Briefe, botanische und zoologische Beschreibungen (Pflanzen und Tiere des Kaukasus), Verzeichnisse der Einnahmen und Ausgaben, Landkarten, Zeichnungen von Expeditionsmitgliedern, Rezepte, Verzeichnisse von Personennamen und Orten, „Verzeichnis der Medicamente und Specereien, die in Teflis teil find“. Bemerkenswert ist eine Aufstellung Kranker, die ihn als Arzt aufsuchten, nach Beruf, Alter, Geschlecht, Krankheit und Erfolg der Behandlung in lateinischer Sprache. Da unter den Kranken auch die herrschende Klasse vertreten war, erfahren wir so wichtige Personalia.

Von besonderem Interesse ist seine „Wortersammlung zur Vergleichung der im Caucasus gangbaren Sprachen“. Verglichen werden ausgewahlte Worter, und zwar zunachst lateinisch russisch deutsch, dann georgische Mundarten, mingrelisch und suanisch; dann als zweite Gruppe lesginische und damit verwandte Mundarten (anzug, dschar, chunsag, dido), weiter als dritte, vierte und funfte Gruppe Sprachen der Kasikumuken, Andi und Akuscho, dann als sechste Gruppe mizdschegische Mundarten (tschetschengisch, inguschisch, tuschetisch), weiter als siebte und achte Gruppe die karbadinische und abassinische Sprache (karbadinisch, kuschhasib-abassisch, altekesek-abassisch), schließlich als neunte Gruppe die awganische, dugorische und ossetische Sprache.

 „Die georgianische Sprache ist eine ganz eigene Sprache, die die Georgianer in den verschiedenen Provinzen (Kartli, Kacheti, Imereti, Guria, Ratscha, Pschawi, Chevsureti) in nicht sehr abweichenden Dialekten, so das sie sich unter einander verstehen reden … In Mingreli und Swaneti … sind sehr abweichende Mundarten, die mingrelisch weniger, die swanetische starker, doch so, daß man die Grundsprache nicht verkennen kann.“

„Eine zur Vergleichung gemachte mingrelische Wortersammlung zeigte mir, daß diese Sprache eine grobe Mundart der georgisch-gurgestanschen … ist. Sie verhalt sich von ostlichen georgischen ohngefahr wie das hollandische zum teutschen.“

„Die Tuschi sind, wie die Sprache, die ein georgianischer Dialekt mit vielen kistischen Wortern vermischt“.

Guldenstadt gibt „noch einige (104) in dem Vergleichungs-Worterbuch nicht vorkommenden Worte“.

Uber die Religion äußert sich Guldenstadt wie folgt:

„Die herrschende Religion ganz Georgiens ist die christlich-griechische und folglich nach Lehre, Verfassung, Liturgie bekannt … Regierung und Geistlichkeit sind gegen die armenische, katholische, muhamedanische und judische Religion der Einwohner … vollig und ohne alle Zurucksetzung derselben duldend. Eben so ungestort bleibt jeder Fremdling bey seinem Glauben.“

Sehr wichtig sind fur die georgische Geschichte Guldenstadts Nachrichten uber:

 „1. Die Stande des Landes u. das Volk

2. Die Gewerbe, Bergbau, Bauart der Wohnhauser

3. Munzen des Staates, Gewichte, Langen- und Flussigkeits-Maaß

4. Die Beamten des Zaars, Gesetze und Rechtspflege

5. Genealogie der ‚Zarischen Familie Bagrationi’ vom 17ten Jahrhundert bis 1773

6. Geistliche Wurden und Amter.“

Guldenstadts Forschungsergebnisse wurden erst nach seinem Tod (1781) veroffentlicht und zwar in Sankt Petersburg 1787/1791 von dem Deutschen Peter Simon Pallas, ebenfalls Mitglied der Kaiserlichen Akademie, und erneut in Berlin 1815 und 1834 von Julius Klaproth, sowie von mir in zwei Banden in Tiflis 1962 und 1964 in deutsch und georgisch, wobei ich auch bis dahin unveroffentlichte Handschriften Guldenstadts aus dem Archiv der Akademie der Wissenschaften der UdSSR in Leningrad verwertet habe.

Den wahren politischen, ja okonomischen Charakter von Guldenstadts Reise offenbart folgendes Zitat Guldenstadts: 

 „Nach der mir von der erlauchten Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zur georgianischen Reise gegebenen Instruktion, habe ich auf die Mineralien anfanglich nicht anders, als nur heimlich Achtung gehabt und die Pflanzen- und Tiergeschichte allezeit als den Hauptendzweck meiner Reise ausgegeben … Aber Irakli hat mir deutlich zu erkennen gegeben, dass er die Untersuchung der Erze fur die Hauptabsicht meiner Gegenwart in Georgien halte.“

Alles in allem sind Guldenstadts Arbeiten fur lange Zeit die weitgefachertsten und bedeutsamsten gewesen.

 Jetzt zur zweiten Gruppe der Georgienreisenden. Sie kamen ohne staatlichen Auftrag, quasi als Privatgelehrte. Sie trieb allein Neugierde und Forscherdrang.

Stellvertretend sei hier Jacob Reineggs vorgestellt. Er lebte von 1744 bis 1793. Er kam per Zufall nach Georgien: In Konstantinopel traf er den Gesandten Konig Irakli II., der ihn nach Georgien einlud. Dort lebte er von 1778 bis 1781 als Gast des Konigs. Wie Guldenstadt war er sehr vielseitig gebildet: Er war uberaus sprachbegabt; unter anderem konnte er turkisch, persisch, russisch und nach kurzer Zeit auch georgisch. Er war bewandert im Berg- und Gießereiwesen, in der Druckkunst, er wirkte als Arzt und Schauspieler. Entsprechend breit waren seine Forschungen ausgerichtet, deren Ergebnisse uberwiegend erst nach seinem Tod von Friedrich Enoch Schroder in den Jahren 1796/97 in zwei Banden herausgegeben wurden. Zu seinen Lebzeiten erschien nur seine kleine Schrift „Reisen im Kaukasus“, die Peter Simon Pallas unter seinem Namen, aber mit einem Hinweis auf die Urheberschaft Reineggs 1783 in Sankt Petersburg veröffentlichte.

Reineggs spielte aber nicht nur eine wissenschaftliche Rolle, sondern auch eine politische. Nach seiner Abreise 1781 verwandte sich Furst Potemkin fur ihn und schickte ihn als „Kommissionar“ zuruck an die koniglichen Hofe Georgiens. Reineggs, mit den Verhaltnissen in Georgien und der georgischen Sprache gut vertraut, wirkte mit bei dem 1783 abgeschlossenen „georgievski traktat“, dem beruhmten Vertrag zwischen Konig Irakli II und Katharina der Großen. Manche georgischen Historiker unterschatzen die Rolle von Reineggs bei den Vertragsverhandlungen oder bezeichnen ihn schlicht als russischen Spion.

Wir kommen nun zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit begann die Annektierung Georgiens und des gesamten Kaukasus. Rußland konnte nun seine „koloniale Exploitation“ offen ins Werk setzen. Grundlage fur Verwaltung und Ausbeutung der neu gewonnenen Gebiete war die genaue Kenntnis von „Land und Leuten“. Diesem Zweck dienten neue Expeditionen, deren Teilnehmer nun ungehindert und mit staatlichem russischen Ruckhalt alles erforschen konnten, was sie wollten.

Im Auftrag der Kaiserlichen Akademie wurden erneut Expeditionen unter der Federfuhrung deutscher Wissenschaftler nach Georgien beordert.

Ich nenne hier als erstes Beispiel die Forschungsreise, die 1807/1808 unter der Leitung von Julius von Klaproth durchgefuhrt wurde. Ziel war es, die Berichte fruherer Reisenden auf ihre Richtigkeit hin zu uberprufen und Lucken zu schließen, insbesondere im Bereich der Philologie, Ethnographie und Geschichte. Klaproth (1783-1835) hatte einen Namen als sprachbewanderter Linguist und Orientalist. Die Forschungsergebnisse erschienen in Halle und Berlin 1812/1814 in zwei Banden unter dem Titel „Reise in den Kaukasus und nach Georgien“. Als erster der deutschen Reisenden behandelt er umfassend  (von Iwan dem Schrecklichen bis zum Tod des Fursten Zizijanov im Jahr 1805) die russisch-georgischen Beziehungen.

Großen Raum nehmen seine Sprachforschungen ein. Dabei knupft er an Guldenstadt an:

„Ich habe es mir besonders angelegen sein lassen, auf meiner Reise Hilfsmittel uber die Sprachen der Nationen, die ich kennenlernte, zu sammeln, die mich in den Stand setzen, daß was Guldenstadt angefangen hat, zu vollenden.“

Uber die swanische Sprache sagt er:

„Da es mir an Gelegenheit fehlte, swanische Worter zu sammeln, so lasse ich den großten Theil der Guldenstadtschen vergliechen, folgen.“

1827 gab Klaproth in Paris in franzosischer Sprache eine Vokabelsammlung und Grammatik der georgischen Sprache heraus. Außerdem erschien bereits 1822 ebenfalls in franzosischer Sprache eine Arbeit uber die Osseten und ihre Beziehungen zu den Georgiern seit dem Mittelalter.

Ab 1820 entwickelte die Kaiserliche Akademie ein umfassendes Programm zur vertieften Erforschung „aller kaukasischen Provinzen“.

Eduard Eichwald war der herausragende Vollstrecker des Programms. Er war Naturwissenschaftler im weitesten Sinne – Zoologe, Mineraloge, Anatom, Palaontologe, Arzt. Seine Expedition wurde von der Universitat Kasan ausgerichtet und dauerte ein Jahr. In Georgien hielt er sich nur vom 5. April bis 28. Juli 1825 auf. Ergebnis dieser Reise war sein Buch „Reise auf dem Caspischen Meere und in dem Kaukasus“ in zwei Banden, Tubingen bzw. Stuttgart, 1834/37.

Eichwald beschreibt genau die soziale Lage der Bevolkerung und ihre Schichten vor und nach der russischen Annexion. Er untersucht auch die nationale Vielfalt und beurteilt die einzelnen Volksgruppen, z.B. die Georgier, Armenier, Tataren, Juden, Osseten, Russen. So sagt er uber die Armenier, daß sie Rußland stets treu blieben und an keinem Aufstand gegen die Russen teilgenommen haben.

Er betont die eigenstandigen Wurzeln der georgischen Sprache. Große Aufmerksamkeit schenkte er den Handelsbeziehungen, insbesondere den Handelswegen, z.B. von Persien uber Tiflis zum Schwarzen Meer, und von Odessa bis Leipzig.

Neu ist die detaillierte Schilderung von Sitten und Gebrauchen bis hin zu Hochzeitsriten und Schonheitspflege der Frauen und dem „freieren Auftritt des schonen Geschlechts“ auf russischen Ballen in Tiflis. Er beschreibt systematisch die in Georgien grassierenden Krankheiten und das von den Russen aufgebaute Gesundheitssystem.

 Breiten Raum nehmen die Schilderungen der Aufstande gegen die Russen in Mtiuleti, Kachetien, Imeretien, Abchasien und in Dagestan ein; außerdem die Kriege Rußlands gegen die Turken, Perser, Abchasen und Lesgier. Die Nachrichten uber die politischen Verhaltnisse Megreliens und Abchasiens sind die ersten verlaßlichen, weil er gute Kontakte zu den dort herrschenden Fursten knupfte und in enger Verbindung mit dem beruhmten georgischen Historiker Nico Dadiani stand.

Schließlich informiert er als erster uber die Geschichte der deutschen Siedlungen im Kaukasus.

Als zweiten herausragenden deutschen Forschungsreisenden mochte ich kurz Moritz Wagner (1813-1887) vorstellen.

 Er war – anders als der zuletzt genannte Eichwald – gewissermaßen als Privatmann unterwegs. Von 1843-1846 bereiste er die Lander Turkei, Georgien, Armenien und Persien. Wagner war von Haus aus Geograph und Naturwissenschaftler. Sein Interesse ging aber weit uber diese Wissenschaften hinaus. Das will ich an einem Bereich deutlich machen: den georgischen Frauen. Besonders genau beschreibt er deren Aussehen, Kleidung und Schmuck.

„So groß auch die Fortschritte der Emanzipation der Frauen in Kaukasien [ist], so ist doch noch ein Rest orientalischer Zuruckgezogenheit geblieben“ …

„In keinem Lande der Welt wird im Verhaltniss zu dem Wohlstand soviel Geld auf Putz verwendet, wie in Georgien […]. Es ist ein bekannter Zug im Charakter des Morgenlandes, daß dort auf rein außerlichen Prunk bei weitem mehr Wert gelegt wird, als komfortable Einrichtung der Häuser.“

Zum damals noch weit verbreiteten Frauenhandel bemerkt er:

„All die schonen Sklavinnen, welche die pontischen Schiffer aus Batum, Sukhum-Kaleh und Trapezunt nach Konstantinopel bringen, werden als Georgierinnen verkauft, weil ‚der Ruf’ außerordentlicher Schonheit der Georgierinnen nicht nur im Orient, sondern auch im Abendlande beruhmt ist.“

Diese Nachricht hat er unter anderem auch „aus dem Munde turkischer Frauenhandler selbst erfahren“.

Als Geograph beschaftigte Wagner sich selbstverstandlich mit den georgischen Landschaften und insbesondere mit Tiflis. Umfassend und liebevoll beschreibt er Poti, Kutaisi, Redut Kale, Gori und vor allem Megrelien, die „kolchische Ebene“. Besonders interessieren ihn die Lasen, ihre Wohnorte (– damals lebten noch viele Lasen in Batumi –) und ihre Sprache. Er bezeichnet sie als Dialekt der georgischen Sprache; aber in Batumi spricht man einen „gurisch-lazischen Dialekt“, entstanden – nach Meinung Wagners – aus Mischehen zwischen Guriern und Lasen.

Seine Forschungsergebnisse legt er im wesentlichen in dem 1850 in Leipzig erschienenen Buch „Reise nach Kolchis und nach den deutschen Kolonien jenseits des Kaukasus“ nieder.

Nach Eichwald war Wagner der zweite deutsche Reisende, der Eindrucke von den deutschen Kolonien veroffentlichte. Der Dritte war August Freiherr von Haxthausen.

 Alle drei schildern eingehend die Geschichte und Herkunft der ab 1818 eingewanderten Schwaben, berichten uber die Ansiedlungszwecke, die Rußland damit verfolgte, die Probleme und Erfolge der Siedler in Katharinenfeld, Marienfeld, Helenendorf, Alexandersdorf und Annenfeld.

A. v. Haxthausen – von Haus aus Agrarhistoriker und Volksliedsammler – kam auf Einladung Nikolaus I, der von seinen Agrarreformen gehort hatte, nach Rußland. Nikolaus beauftragte ihn, in den russischen Provinzen die Lage der Bauern und die Organisation der Dorfgemeinschaften zu erforschen. So kam er im Jahr 1843 auch fur zwei Monate nach Georgien. Trotz der kurzen Zeitspanne dieses Aufenthalts berichtet er breit und eingehend uber Georgien. Interessant – und insofern unterscheidet er sich von seinen reisenden Vorgangern – ist sein politischer Blick. Sehr kritisch schatzt er die Rolle Rußlands in Georgien ein:

„Die russische Armee verharrt seit vielen Jahren im Status einer Okkupantenarmee in einem eroberten Land. Die Regierung im Ganzen basiert auf militarischer Macht. Deshalb wird dieses Land gequalt und genotigt.“

Erstaunlich – aber angesichts seiner politischen Einstellung naheliegend – zeigt er Verstandnis fur die Muriden und insbesondere fur Schamil. Sein Resumee:

„Das fruchtbare Georgien hat – trotz der Sicherung der Grenzen durch Rußland – wirtschaftlich keinen Erfolg; es herrschen im Innern Gewalt und Korruption.“

Seine Erfahrungen und Einsichten schildert er in seinem 1856 in Leipzig erschienenen zweibandigen Buch „Transkaukasia. Andeutungen uber das Familien- und Gemeindeleben und die socialen Verhaltnisse einiger Volker zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere“.

Ich habe bisher umstandslos von Reisenden in Georgien gesprochen. Auch die Reisenden selbst benutzen den Begriff „Georgien“ Sie verstehen darunter aber ganz Unterschiedliches. Nur aus dem jeweiligen Kontext kann man schließen, was sie unter diesem Begriff verstehen:

Die einen meinen damit das ganze Land im heutigen Sinne.

Andere fassen darunter nur das Konigreich Kartl-Kacheti (Ostgeorgien).

Wieder andere nur Kartli (also bloß einen Teil von Ostgeorgien).

Reineggs z.B. bezeichnet ‚Kartl-Kacheti’ als ‚Georgien’ und ‚Imeretien’ als „Iberia“.

 Eichwald meint mit „Georgia“ Ostgeorgien; gleichzeitig nennt er aber ‚Kacheti’ ‚Kacheti’.

Die Russen steigerten die Verwirrung, indem sie das Konigreich Kartl-Kacheti als „Grusia“, aber auch als „Georgia“ bezeichneten. Die ubrigen Furstentumer nannten sie Guria, Mingrelia, Abchasia und Imeretien.

Ubrigens, mit Ossetien wird in jener Zeit nur das Land nordlich des Kaukasuskamms bezeichnet. „Sud-Ossetien“ taucht als Begriff nie auf. Auch wenn schon damals Osseten sudlich des Kaukasuskamms siedelten, am Oberlauf der Flusse Liachvi, Ksani und Prone sprach man nur von Kartli.

Wenn Sie es wunschen, kann ich noch kurz auf die englischen Reisenden in der gleichen Periode eingehen. Die Englander waren zu jener Zeit sozusagen „Nachzugler“. Ich zitiere den englischen Reisenden Robert Lyall:

„In these days, one may be justly surprised that no individual from Great Britain has ever travelled far in Caucasus, or given us a good account of the tribes, by which this mountain-chain is inhabited. The greatest part of what we know of the Caucasus, as well as of Georgia, has been chiefly derived from the Germans (Gmelin, Guldenstadt, Pallas, Reineggs, Klaproth).”

Und die, die im 18. Jahrhundert uberhaupt mach Georgien kamen, waren „Passanten“ auf dem Weg von und nach Indien uber Persien und Rußland, meist als Militarpersonal oder als Kaufleute der East India Company.

Erst im 19. Jahrhundert finden wir „real scouts“, aber keine umfassend gebildeten und forschenden Reisende. Wir verdanken ihnen viele interessante Nachrichten. Der Zweck ihrer Reise unterscheidet sich stark von dem der im Auftrag Rußlands Georgien bereisenden Deutschen. Als Mitglieder der Weltmacht England verfolgten sie andere Interessen:

Nach der Invasion der Russen im Kaukasus bewegte die Englander die sogenannte „ostliche Frage“. England befurchtete die Ausdehnung Rußlands nach der Turkei und Persien, insbesondere nach den vier Kriegen im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Besonders herrschte die Furcht vor, daß Rußland sich einen Weg nach Indien bahne. Lyall druckt das folgendermaßen aus, ich zitiere:

 „We must look to Russian plans as a whole, and not in detail. We must think of her great political connections and strength, of the facility with which she could pass the defiles of the Caucasus …”

Zum Schluß – wenn Sie erlauben – zwei kleine Wunsche:

 Angesichts der steigenden Zahl deutscher Touristen in Georgien wunsche ich mir hin und wieder ein paar Reisende, die mit solch breitem Interesse und Wohlwollen mein Land erkunden wie die Vorganger im 18. und 19. Jahrhundert.

Und vielleicht ist es auch nicht ganz utopisch zu hoffen, daß sich eines Tages georgische Reisende nach Deutschland finden, die kenntnisreich und freundlich uber dieses, Ihr Land berichten.

 

 

 

—————

1 Vortrag am 2.7.2007 im Institut fur Vergleichende Sprachwissenschaft (Prof. Dr. Jost Gippert) an der Johann Wolfgang Goethe-Universitat/Frankfurt am Main. Der Vortragsstil wurde beibehalten.

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / შეცვლა )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / შეცვლა )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / შეცვლა )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / შეცვლა )

Connecting to %s