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•Stalin oder die Tragödie Georgiens

 

Stalin oder die Tragödie Georgiens

von Dr. Joseph Iremaschwili

Vorwort

Ich übergebe meine Erinnerungen an Stalin der Öffentlichkeit. Stalin war von .Jugend auf mein Freund, dann mein erbittertster Feind, der die Tragödie meiner georgischen Heimat verschuldete. Nie sah die Welt  schrecklicheres Geschehen als in den Monaten und Jahren in Rußland und Georgien, als der wahnsinnige Blutrausch bolschewistischer Usurpatoren über das weite Land brauste. Mein Schicksal ist nur eines der vielen Millionen Brüder und  Schwestern. Ich trage es, um lebender Beweis, zu sein für die Utopie und die Unmenschlichkeit des Bolschewismus.

Ich kenne Stalins  Lebenslauf und seine Charaktereigenschaften mehr als jeder andere und durste es daher wagen, sein Bild wahrheitsgetreu allen denen vor Augen zu halten, die zu Stalin aufblicken, als wäre er ein Gott, ein Menschheitsbefreier und Wegweiser zum Glück. Nichts von alledem ist Stalin; aber ein gewalttätiger Despot.

Mein Rückblick auf meine einstigen Beziehungen zu Stalin und die neueste Geschichte Georgiens sollen beweisen, daß zwischen dem Bolschewismus und dem System einer modernen Demokratie ein unüberbrückbarer Abgrund klafft, über, den es keinen Verbindungssteg geben kann. Die Einschätzung des Wertes des menschlichen Lebens hüben und drüben trennt beide so scharf wie Mittelalter von Neuzeit.

Früher oder später aber wird das Gewaltsystem der Bolschewisten zusammenbrechen.

Photographisch getreu habe ich nur Tatsachen aus meinem Verhältnis zu Stalin und aus der Tragödie Georgiens erzählt; wahrheitsgetreu habe, ich das tragische Schicksal eines opferfähigen, aufstrebenden Volkes geschildert, das für sein Vaterland und Menschheitsbefreiung stritt und litt und weiter unsagbar leidet.

Berlin, den 1. Juli 1931.

SoSo Iremaschwili

 

Vorwort von Crispien

Ich las diese Schrift mit wachsender Teilnahme. Zwei Menschen – zwei Schicksale von erschütternder Tragik.. Jugendfreunde, Kampfgenossen, Feinde.

Stalin, der Triumphator. Mit ihm triumphiert nicht der Sozialismus, sondern dessen Todfeind: der Despotismus.

Iremaschwili, der Gehetzte. Nicht besiegt, nicht erschüttert in seinem Glauben an die Sieghastigkeit des Sozialismus.

Stalin, der asoziale, der gesellschaftsfeindliche Mensch. Ein  Sklave, der die Kette zerbrach. Voll Haß und Rachsucht. Berauscht vom Gefühl der Macht. Unser ihm Erniedrigte, zertretene, Geopferte.

Iremaschwili, der freie Mensch, der nichts für sich erstrebt, was er nicht für alle verwirklichen will. Der Sozialist, der weiß, daß Sozialismus nicht werden kann durch Gewalt und Terror, daß der Geist sie noch immer bezwungen hat.

Diese Schrift gibt uns intime Einblicke in die Entwicklung zweier Menschen von geschichtlicher Bedeutung.

Zwei Menschen, die den gleichen Ausgangspunkt hatten, wurden auf der Höhe ihres Lebens, weltenweit voneinander entfernt; Träger widerstreitender Ideen. Wir erfahren, wie Das gesellschaftliche Sein den Charakter des Menschen bildet und sein Handeln bestimmt, wie die Menschen wiederum Geschichte machen.

Es wird uns bestätigt, daß es verschiedene Wege gibt, die aus unserer Gegenwart herausführen. Wege zum Guten, Wege zum Bösen. Wo der Weg zum Bösen gegangen wurde, gibt es dann eine Umkehr zum Guten, wenn Menschen bewusst und entschlossen sich dafür einsetzen und wenn sie sich durchsetzen.

So ist diese Schrift eine Enthüllung und ein Bekenntnis. Eine Anklage und eine Mahnung. Ein Gelöbnis und eine Verpflichtung.

In sozialistischer Solidarität fühlen wir uns allen verbunden, die im Kampf gegen Gewalt und Unterdrückung stehen. Und auch du, Georgien, heimgesucht und blutgetränkt, wirst trotz alledem im Sozialismus, aus Qual und Not erlöst, in Freiheit herrlich auferstehen.

Berlin 1932.      Crispien

 

 Soso der Schuljunge

Wir schrieben das Jahr 1890 in unsere Schulhefte. Auf dem Hofe der Pfarrschule in der kleinen Stadt Gori, unweit unserer Hauptstadt Thbilisi (Tiflis), gewahrten wir Schüler plötzlich ein neues Gesicht. Fremdlinge waren in unserer Kleinstadt selten und daher für uns zehnjährige Jungens schon des Bestaunens wert. Der Lehrer schrieb seinen Namen an die  Tafel: „Soso Dschugaschwili“. Von weit her konnte dieser neue Zögling nicht sein, er sprach Georgisch wie wir, hatte auch ein Aussehen wie wir. Der trotzige Blick und kurze, abweisende Redensarten machten ihn uns nicht sympathisch. Körperlich schien er uns allen überlegen; wir mieden ihn zunächst aus Angst; doch interessierte er uns.

Eines Morgens übten wir auf dem Hofe kaukasischen Ringkampf. „Wir müssen sie auseinander bringen, der Ringkampf ist unentschieden!“ – „Nein weiter, Soso Dschugaschwili wird ihn werfen!“ So schrieen und stritten die im Kreis umherstehenden Schulkinder, während Soso und ich uns immer wieder ineinander verkrampften. Ich war bisher der unbesiegbare Held. Sollte ich mich von dem Neuling meines beneideten Heldentums berauben lassen?

Mit hochgerollten Hemdärmeln und schwitzenden Gesichtern gingen wir immer wieder aufeinander los. Wir wurden beide müde.

Der Ringkampf verlor an Interesse für unsere Anhänger; sie erklärten ihn für unentschieden. Ich drehte mich, die Kleider ordnend, meiner Anhängerschaft zu. Plötzlich wurde ich an der Brust gerissen und über seinen Rücken und seinen Kopf durch die Lust gedreht. Mein Gegner ließ sich auf seine Knie nieder, rollte mich über seinen Kopf und warf mich ins frische Gras. Triumphierend drückte er mir, ehe ich mich zur Abwehr aufraffen konnte, die Knie auf die Brust. Klatschend und jubelnd beglückwünschten Soso seine rasch gewonnenen Anhänger, die meinigen protestierten schimpfend. Der Ruhm meiner Unbesiegbarkeit war dahin. Soso war der neue, bestaunte Held. Unsere Sitten und Gebräuche forderten es, daß wir uns die Hände gaben und einander küssten.

Der Ringkampf auf dem Schulhofe war der Anfang unserer späteren langen Freundschaft.

Soso Dschugaschwili war ein magerer, aber sehniger Junge mit länglichem Gesicht, voll von Sommersprossen und unzähligen Narben. Der Kopf saß etwas hintenüber geneigt, so daß seine stark ausgeprägte Nase brüsk in die Lust stach. Der Blick aus den dunkelbraunen, georgischen Augen war unerschrocken, lebhaft und nicht gerade vertrauenerweckend. Sein Gang mit den hohen, schlanken Beinen hatte wenig Kindliches an sich; er wirkte eigenartig durch das planmäßige Mitschaukeln der langen Arme und knochigen, adergeschwollenen Hände.

Ost stieg ich mit meinem Freunde Hand in Hand auf den Berg “Goridjwari” – “Das Kreuz von Gori”. Hier glaubten wir, hätten alle Märchen sich abgespielt. Auf dem konusartigen Gipfel des Berges stand eine alte Burg, die mit hohen, gelben Mauern eine kleine, alte Kirche einschloß. Der smaragdgrüne, fast ewig heitere Himmel unseres Landes gab unserer südlichen Sonne unendlichen Raum, den weiten, dichten Wald des Gebirges malerisch zu beleuchten. Die vor uns hängenden steilen Felsen, die hellglitzernden Gebirgsbäche und die gegen den Himmel gezeichneten Eichen zogen uns immer wieder an.

Der Goridjwari war immer das Ziel unserer Wanderungen. Aus der Ferne blitzten die ewigen Schneespitzen der kaukasischen Bergkette, aus der in rasendem Gesprudel der „Liachwi“ sich in den „Mikwari“, Georgiens größten Fluß, ergoß. Diese beiden großen Flüsse brausten und sausten um die Wette, als gelte der Kampf, zuerst die friedlichere Dahn des Tales zu erreichen, bis sie sich beruhigt vor den schwarzen Schulen der Holzbrücke von Gori, den trennenden Rasen verschlingend, vereinen. Soso liebte die Natur; sie konnte ihn ehrlich begeistern.

Das Besteigen der Felsen war uns eine angenehme, weil gefährliche Übung.

Soso war ein, eigenartiger Typus unser den Schuljungen. Schon damals lebten in ihm Gedankengänge, die sich weit ab von unserer kindlichen Unbesorgtheit bewegten. Er war von maßloser, grenzenlos leidenschaftlicher Natur, wenn es ihm in den Sinn kam, irgendein Ziel zu erreichen, eine Tat zu vollbringen. Das Besteigen der hohen Felsen, das Einschleichen und Hinuntersteigen in Felslöcher und Schluchten waren in diesen Jahren fein größtes Glück. Wenn sein Vorhaben nicht sogleich glückte, ging er ein andermal allein hin und übte unermüdlich, bis das Gewollte vollbracht war. Tagaus, tagein stellte er sich stundenlang an den Fluß und übte im Weitwerfen mit Steinen und nach Zielen. Auch fliegende oder friedlich in die Welt lugende Vögel  waren die Opfer.

Bei all seiner Naturliebe hat er Liebe zu lebenden Wesen nie gekannt. Des Mitleids für Tiere oder Menschen war er unfähig. Für Freude und Leid seiner Mitschüler hatte er schon als Kind nur ein sarkastisches Lächeln. Ich habe ihn nie weinen gesehen. Siegen und gefürchtet zu werden, war ihm Triumph.

Nur einem Menschen hing er in Verehrung an – seiner Mutter. Er war als Kind und Jüngling ein guter Freund, wenn man sich seinem befehlshaberischen Willen fügte.

Soso der kleine Aufrührer

 In demselben Jahre 1890 wurden die georgischen Lehrer und Aufseher unserer Schule durch russische ersetzt. Die plötzlich einsetzende Russifizierung Georgiens hatte ihren Ausgang in den Schulen genommen. Die erste und für uns Schulkinder unangenehmste Maßnahme war die Einführung der russischen Sprache an Stelle der georgischen.

Die Fremdsprache als solche hätte sich leichter erlernen lassen, wenn die Erklärungen und Auseinandersetzungen in der Muttersprache gegeben worden wären. So aber wurde plötzlich die georgische Sprache auch als Umgangssprache in der Schule abgeschafft und ihr Gebrauch mit schweren Strafen bedroht.

Anfänglich  standen wohl alle Kinder den neuen Lehrern hilflos, ja beinahe stumm gegenüber; denn praktisch war uns, da wir ja gar nicht Russisch sprechen konnten, der Mund verschlossen. Kinder wie wir konnten aber auf die Dauer unmöglich unsere Redseligkeit eindämmen. So hagelte es Strafen, von denen auch der eifrigste, beste und artigste Schüler nicht verschont blieb. Schläge mit der Faust, mit dem Lineal und Stock waren wir von unieren ehemaligen Lehrern gewohnt. Wir nahmen sie hin und bemühten uns, uns tapfer damit abzufinden. Die russischen Lehrer aber verteilten ihre Schläge mit besonderer Wut. Zweifellos hielten sie uns Georgier überhaupt für Menschen niederer Kultur, denen die Segnungen der russischen Bildung nur mit Schlägen einzubleuen waren. Wie geistlos müssen diese Volkserzieher an unseren Baudenkmälern, unserer Geschichte und Literatur vorübergegangen sein! Immerhin erschienen uns die Schläge noch als männlich. Unseren Groll aber erregten andere feige und beleidigende Strafen, wie ein- bis zweistündiges Knien auf kleinen Steinen mit nackten Beinen oder in der Ecke stehen mit dem Gesicht an die Wand. Wen das Wort „Schuldig“ traf, der mußte so lange ein viereckiges Holzstück auf der Hand halten, mitunter den ganzen Vormittag, bis es einem nachschuldigen Schüler abzugeben war. Hatte der Lehrer schlechte Laune, dann ging das Holz zu unserem Vorteil von Hand zu Hand. Der letzte wurde den Mittag über in den Karzer gesperrt.

Diese Strafen standen besonders auf dem Gebrauch unserer Heimatsprache. Am gefürchtetsten war der Karzer, in den man uns bis in die späten Abendstunden ohne Essen und Trinken bei völliger Finsternis einschloß.

Seit 1890 schien uns aus der Schule ein Kinderzuchthaus geworden zu sein, dem zu entfliehen der einzige Wunsch aller war. Auch außerhalb der Schulstunden unterlagen wir einer andauernden Kontrolle durch uniere Aufseher. Wir wurden zu Hause von ihnen überrumpelt, um festzustellen, ob wir über den russischen Schreibheften saßen. In Gegenwart unserer Eltern wurden uns Karzer oder schlechte Zensuren zudiktiert.

Wir Kinder liebten unsere Heimat und unsere Muttersprache, wie die Eltern auch. In unserem Zorn von den Erwachsenen unterstützt, fingen schon wir Kinder an, die russischen Lehrer zu hassen. Der .Haß wuchs bis zum Bestreben, uns an den Lehrern zu rächen.

Der beste Schüler war Soso Dschugaschwili, aber auch der unartigste. Er war Anführer und Antreiber unserer Rachebestrebungen, die eines Morgens sich gegen den am meisten gehaßten Inspektor Butirski richteten. Den Inspektor erwartete auf dem Flur der Schule eine pfeifende und johlende Menge von Schülern. Sein heftiges  Herumschlagen mit den Fäusten konnte ihm keinen Ausweg aus dem Knäuel schaffen. Erst dem gesamten Lehrerkorps gelang es, uns wieder in die Schulbotmäßigkeit zu bringen.

Das war der erste von Soso angezettelte Aufstand. Die Lehrer erkannten Soso als den Rädelsführer. Ihr Zorn, den seine Leistungen nicht mehr mildern konnten, verfolgte ihn, bis er die Schule verließ. Soso  wurde oft, beinahe täglich bestraft. Auf  mich, seinen Spießgesellen, entlud sich ein fast ebenso andauerndes Donnerwetter.

Im Sommer, in dem wir unsere großen Schulferien hatten, war Soso oft bei mir in meinem nahe gelegenen  Heimatdorfe. In dem Weingarten meines Vaters erlebten mir viele glückliche Tage. Es schmeichelte seinem Stolz, in der Kirche mit mir und einem dritten Jungen als Triosänger beschäftigt zu werden. Die Religion selbst hatte ihn schon damals unbeeinflußt gelassen. Soso hatte Gedanken, die uns Gleichaltrigen nie in den Sinn kamen oder uns unverständlich waren.

 

Soso Dschugaschwilis Eltern

An der Soborostraße stand ein altes, kleines, schmutziges Häuschen. Die unverputzten Mauern aus Sand und unförmigen Steinen dokumentierten die Armut des Inhabers Das Sanddach war längst den Elementen der Natur unterlegen und ließ Wind und Regen Zutritt. Ein hoher Holzzaun schloß einen kleinen viereckigen Hof am Häuschen ein. Durch eine knarrende Brettertür trat ich immer in die dunkle Wohnung, oder besser gesagt in den Raum, der die Hauswände als Stubenwände hatte. Es war ein Glück, daß der Fußboden mit Ziegelsteinbrocken belegt war, die man in die Erde gestampft hatte; sie nahmen in menschenfreundlichster Weise gierig die Nässe auf. Nur zu beiden Seiten der niedrigen Türe war je ein kleines, vierscheibiges Fenster eingebaut. Eine ewige Dämmerung lag in dem Raum, aus dem die muffige, vom Regen, von nassen Kleidern und von Kochdünsten geschwängerte .Luft keinen Austritt mehr fand.

Eine alte Kommode mit vier Schubladen und ein paar altväterliche Möbel bildeten die ärmliche Einrichtung. Über der Kommode stand auf einer gestickten Decke ein runder Drehspiegel. Um einen einfachen Tisch herum ersetzten dreifüßige Sitzbänke die Stühle. Das blaue Tischtuch bewies den Reinlichkeitssinn der Mutter, dem aber die aus allen Winkeln lugende Armut kaum eine Betätigung ließ. In eine Wand waren ein Schrank und ein kleines Spind eingelassen, gegenüber eine riesige Bettstelle im georgischen Stil der Altvorderen. In ihrem Ausmaße, als Ruhestätte für die ganze Familie bestimmt, nahm sie allein den halben Raum in Anspruch. Ein dünner, altpersischer Teppich bedeckte sie tagsüber. Die eine Ecke war mit einer auch für die damaligen Verhältnisse altmodischen Nähmaschine ausgefüllt, deren Bedienung noch ein sehr mühseliges und gering bewertetes Handwerk war. In der anderen Ecke standen große, bauchige Tongeschirre für den Transport und die Aufbewahrung des Trinkwassers. Eine Holzschüssel fing den durch das Dach dringenden Regen auf.

„Ekaterina“ – kurz genannt „Keke“ – nannte mich oft ihren zweiten Soso (Joseph), wenn ich meinten Freund besuchen kam. Soso war ihr einziges Kind. Ihr mütterlich warmes Gefühl bewies sie auch mir. Sie liebte ihren Sohn sehr und alles, was dieser liebte. Ich bewies ihr und Soso ein treues Empfinden der Anhänglichkeit, und so kam es, daß ich nach Jungensart in dem kleinen, unansehnlichen Häuschen mein zweites Heim fand.

Keke war so sommersprossig wie ihr Sohn. Sie lebte immer in großer Not. Tag für Tag saß sie an der klapprigen Nähmaschine und versuchte mit einigen Kopeken den Mann in seinem spärlichen Erwerb als Schuhmacher zu unterstützen. Die Düsterheit des Raumes und das Zählen der Nadelstiche machte sie früh kurzsichtig und zwangen sie, auf die kleine Stupsnase eine scharfe Brille zu setzen. Wie alle eingeborenen Georgierinnen war sie tief religiös. Ihr Dasein verpflichtete sie zum Dienen: Gott, dem Manne und dem Kinde. Das Volk des kleinen Städtchens Gori kannte und achtete die fleißige, gute und gottesfürchtige Frau des Schusters. Wenn auch ärmlicher als die anderen, trug auch sie die alte traditionelle Tracht der Georgierinnen.

Der “Tschichti”, der Kopfputz, und das blaue Kleid symbolisieren den blauen Himmel Georgiens, die Wolken und die strahlende Sonne. Die fliegenden Ärmel und auf dem Gürtel vorne flatternde blaue, rote, grüne und orange-farbene Bänder gleichen den Flügeln der Engel und den Farben des segenspendenden Regenbogens. Der Anblick der Georgierinnen, die zumeist auch für europäische Begriffe hübsch zu nennen sind, ist ein festlich schöner. Der Körper ist die Natur, der eingehüllt wird von der Kleidung, – dem Himmel und seinen gnadenbringenden Gestirnen. Die Frauen sind nach alter, georgischer Religionsanschauung die vom Himmel auf die Erde gesandten Engel Gottes.

Mit der äußerlichen Schönheit und ihrer symbolischen Annäherung an Gott harmonisiert die innere Sauberkeit. Die georgische Frau ist sehr sittenstreng. Sittenlosigkeit und ein Verschwenden der Gedanken und Sinne an andere Lebenszwecke, als die der Frau und Mutter sind den Georgierinnen immer unbekannt gewesen.

Nach unserer Kirchengeschichte ist die Lehre von Jesus Christus im IV. Jahrhundert durch die Frau “heilige Nino” in Georgien eingeführt worden.

Frau und Mutter zu werden war der selbstverständlichste, innige Wunsch her Mädchen, ein kirchliches Gebot, das innezuhalten die ewige Seligkeit vorschrieb. Die Frau und Mutter war der Inbegriff des Gemeinschaftslebens. Kein Mann wagte die Frau zu entehren oder zu beschimpfen.

Die große Achtung vor der Frau spiegelt sich in vielen Sitten und Gebräuchen. Zwei Todfeinde, die mit Dolchen oder anderen Waffen sich bekämpften, standen wie Statuen so still, wenn eine des Weges kommende Frau ihren Kopfschmuck zwischen die Streitenden warf, und versöhnten sich auf der Stelle.

Alle klassischen Dichter unserer georgischen Heimat lobpreisen die Frau und sangen das Hohelied von der Liebe zu Frau und Mutter.

Sosos Mutter war eine echt georgische Frau. Daß sie ihre schönen Tugenden nicht auch in das Herz ihres Kindes. pflanzen konnte, bekümmerte sie sehr. Sie sah es mit Wehmut, wie “Beso”-Bissarion, der Vater, durch sein Verhalten dem Kinde die. Liebe zu Gott und den Menschen aus der Seele riß, wie er in ihm den Abscheu vor dem eigenen Vater säte.

Durch ihn hat Soso die Menschen hassen gelernt. Das junge Wesen reifte viel zu früh zum selbstständigen Denken und Beobachten. Am meisten haßte Soso den eigenen Vater, der seinen spärlichen Verdienst zum größten Teil vertrank und dadurch die Mutter zur nächtelangen, ermüdenden Arbeit an der Nähmaschine zwang. Über Soso entlud sich tagaus, tagein der grimmige Jähzorn des Vaters. Die unverdienten, furchtbaren Schlüge machten den Knaben so hart und herzlos, wie der Vater selbst es war. Da alle Menschen, die über andere durch Kraft oder Alter bestimmen und herrschen durften, ihm wie der Vater dünkten, lebte bald in ihm das Rachegefühl gegen alle Menschen auf, die sich über ihn stellten. Von der Jünglingszeit an war die Verwirklichung der Rachegedanken sein Ziel, dem alles Streben galt.

Beso-Bissarion mit dichten, schwarzen Augenbrauen und dunklem, starkem Schnurrbart, groß und stattlich in seinem georgischen Hemd – “Tschocha” –, die breite, blaue Hose in den  Stiefeln und die russische Mütze auf dem Kopfe, war Osi eine grobe, ungeschlachte Natur, wie all die Osebi, die in den hohen, kaukasischen Bergen wohnen. Die Osebi sind ein in Georgien zugewanderter, kleiner Volksstamm, der sich nur langsam – schon infolge seiner Abgeschlossenheit in den Bergen – mit der georgischen Kultur befreunden konnte.

Soso entzog sich seinem Vater, so oft es ging. Er hatte kein Verlangen nach ihm. Der frühe Tod des Vaters blieb ohne Eindruck auf das Kind; es hat an dem Manne, der sich Vater nennen durfte,nichts verloren.

 

Im geistlichen Seminar zu Tiflis

Mit dem Jahre 1894 war die Zeit unserer spielerischen Jugend vorbei. Soso und ich traten in das geistliche Seminar zu Tiflis über. Es war der Wunsch meiner Eltern und Sosos Mutter, daß wir Geistliche werden sollten. Wir waren zu jung und noch viel zu wenig um unsere Zukunft bekümmert, als daß wir uns dem Willen unserer Eltern widersetzt hätten.

Unsere Hauptstadt Tiflis zog uns, wie alle Georgier, in ihren Bann. Die herrlichen Straßen mit ihren künstlerischen Bauwerken und ihrem regen Leben rangen uns lange Staunen und Bewundern ab. Wir fühlten uns wie Auserwählte, die an der Ursprungsstätte des Geisteslebens Georgiens sich bilden, auf geschichtlichem Boden wandern und die Segnungen einer vollkommen scheinenden Kultur erleben und genießen durften. Leider wurden unsere Hoffnungen sehr bald durch die Abgeschlossenheit, in der man uns ins Seminar schon nach einigen Wochen hielt, arg enttäuscht.

Tiflis ist das georgische Berlin. Es ist das Herz und die Seele des Landes, das wirtschaftliche, kulturelle und politische Zentrum Georgiens, ja des Kaukasus überhaupt.

Dreihunderttausend Einwohner umfassend, liegt es zu beiden Seiten des Mikwariflusses, dessen Tal mäßig hohe Berge begleiten. Hart an die Stadt stoßend, steigt im Süden in seiner elefantenförmigen Gestalt der “Mtazminda”, der heilige Berg, auf. Vom Mtazminda herab grüßt und glänzt ein strahlend weißes Kirchlein. Als der Heilige Berg genießt er eine ganz besondere Verehrung, die auch in der vaterländischen Literatur besonders häufig zum Ausdruck kommt. Er ist der Zeuge jahrhundertelanger, blutiger Abwehrkämpfe der Georgier, die immer um nichts anderes, als um ihre Unabhängigkeit gekämpft haben. Er in der Wächter der Stadt und ihrer so oft bedrohten Kultur. Mit seinem heiligen Auge beobachtet er die ewige Kette der historischen Geschehnisse. Generationen auf Generationen hat er im Glauben und in der Hoffnung auf die Freiheit Georgiens und in patriotischer Liebe zur Heimat sterben gesehen. Er ist noch immer das heilige Symbol des unsterblichen, nationalen Stolzes. So fest, wie er auf seinem Boden steht, so unausrottbar ist im Volk der opferungsfreudige Glaube an den Sieg der Menschlichkeit über die bestialische Blutgier des Bolschewismus.

Wir Georgier wissen, daß der Mtazminda mit unseren Kindern die goldene Sonne der Erlösung und der Liebe über Georgien wird leuchten sehen. Er wird den Fluch über die Verräter der eigenen Heimat und die Mörder unserer Brüder und Schwestern in alle Ewigkeit verkünden.

Mit kahlen, grauen Wänden und düsteren Anblicks zieht sich im Osten der Stadt die georgische Bastille, das Staatsgefängnis “Metechi” hin. Ihr Kegelturm ragt über alle Baulichkeiten hinweg, ein drohender Finger, der an den Zorn grausamer Gesetzgeber mahnt und die Widerspenstigen eindringlich davor warnt, den Begriff der Menschlichkeit anders aufzufassen, als die herrschenden Tyrannen. In den undurchdringlichen Mauern von Metechi haben die Kämpfer für die georgische Freiheit, für menschliche Gerechtigkeit und wahre Brüderlichkeit gelitten. An den Wänden klebt das Blut tausender geistvoller Idealisten und treuester Patrioten, die die Henker mordeten. Zur Zeit des Zaren war Metechi schon der Ort den Grauens, an dem man in Angst, mit niedergeschlagenen Augen und traurigen Sinnen vorüberging, wenn man den Weg nicht vermeiden konnte. Aber eines wußte man damals, daß man dieses grausige Asyl nicht beziehen brauchte, wenn man sich vorsichtig und bedächtig durch die Maschen des Gesetzes schlängelte. Später aber, als die  “Volksregierung” der Bolschewiki ihre Art “Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit” propagierten, schossen sich die Tore von Metechi hinter jedem treuen Georgier, der nur seine Vaterlandsliebe in Worten, Gebärden oder Taten zu offenbaren wagte.

Prometheus wurde, als er den Menschen das Feuer entwendete. auf Zeus Befehl an den Kaukasus geschmiedet. ein Adler mußte ihm die täglich wieder anwachsende Leber zerfleischen. das Gefängnis von Metechi hat die Rolle des Adlers in der georgischen Geschichte übernommen und reißt, wahrhaft getreu der Überlieferung, das immer wieder aufkeimende Streben der Georgier nach Menschlichkeit, Freiheit, Liebe zur Heimat und sozialer Gesetzmäßigkeit in blutige Fetzen.

Wir Georgier müssen das nachkommende Volk des Prometheus sein; ewig in Ketten an den Kaukasus gefesselt, immer wieder aufs neue gemordet. Aber einmal werden auch wir frei sein. Die Geschichte und der Freiheitskampf Georgiens ist noch nicht zu Ende.

Zwischen Metechi und dem Mtazminda lag das geistliche Seminar, ein langen, weißes, dreistöckiges Gebäude, eher einer Kaserne als einer Schule ähnlich. Ein freier, menschlicher Geist, der die Jugend in Liebe und Verständnis erzog, konnte darin nicht herrschen. Das war schon der äußere Eindruck. In dieses Haus paßte nur eine militärische Disziplin, eine strenge, schematische Erziehung, die  den Geist und den Wissensdrang der lernbegierigen Jünglinge in vorgezeichnete Formen preßte. Der Zweck dieses Instituts bestand denn auch darin, gedankenlos getreue, russische Untertanen zu züchten. Wenn nicht alte Schüler die Anstalt mit der von der Leitung und der Regierung gewollten Weltanschauung verließen und ihre erworbenen Kenntnisse sehr bald gegen das bestehende Staatssystem ausnutzten, so lag die Ursache hierfür gerade in der extrem einseitigen Lehre, dass der Mensch, und besonders der Russe, nur zu dienen und sich unterzuordnen hätte. Die strengen Mittel, mit denen den Zöglingen diese “glückverheißende Lebensregel auf gezwungen wurde, mußten den Widerspruch aller Schüler erzeugen, die den minderbemittelten Kreisen entstammten und denen das freudlose Dasein der Eltern längst den Begriff vermittelt hatte, wie die Unterordnung eigentlich aussah. Das Bild von der glücklichen Zukunft, wie die Sturm- und Drangperiode der Jugend es malte, war jedenfalls anders. Das überhebliche Gebaren der Söhne besitzender Eltern, denen die Geburt schon ein Leben in Luxus garantierte, half dazu, die jungen Geister in Widerspruch zu den Doktrinen der Lehrer und den Grundsätzen des staatlichen Gesellschaftslebens zu setzen.

So sind denn aus dem geistlichen Seminar zu Tiflis viele Vorkämpfer für die Freiheit hervorgegangen. N. Jordania hat in diesem Seminar den inneren Antrieb zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei gefunden. Jahre vor unserem Eintritt schon kämpften aufrührerische Schüler gegen die dogmatischen Prinzipien ihrer Lehrer und streuten die ersten Gedanken von sozialer Gerechtigkeit und persönlicher Freiheit in die Öffentlichkeit. Ein strenges Strafgericht, von Petersburg befohlen, relegierte die Widerspenstigen. Der jugendliche Anführer, der Seminarist S. Djibladse, der bedeutendste Sozialist, der später, 1922, im Kampf gegen die Bolschewisten starb, wurde nach Sibirien verbannt.

Soso Dschugaschwili war im geistlichen Seminar, wegen seiner guten Leistungen in der Vorschule, unentgeltlich aufgenommen worden. Er erhielt kostenlos volle Pension, auch Kleidung, Wäsche, Schuhe und Lehrmittel. Rektor der Schule war ein russischer Mönch Germogen, Hausinspektor ein Jesuit und gefürchteter Inquisitor, Abaschidse, ebenfalls ein Mönch.

Er war einer der wenigen Georgier im Lehrkörper, tat sich aber besonders grausam hervor.

Wie an der Vorschule hatte die georgische Sprache der russischen als Lehrsprache weichen müssen. Das Leben in der Schule war traurig und eintönig. Tag und Nacht in die Kasernenmauern eingeschlossen, fühlten wir uns wie Sträflinge, die unschuldig ihre Jahre abzusitzen hatten. Die Stimmung war dumpf und verschlossen; ein jugendlicher Frohsinn, den schon die weltabgeschlossenen Räume und Gänge erstickten, kam kaum auf. Wenn dann und wann ein jugendliches Temperament sich hervorwagte, wurde es schnell von Mönchen und Aufsehern unterdrückt. Die zaristische Schulaufsicht verbot uns das Lesen georgischer Literatur und Zeitungen. Von den Klassikern unserer Heimat, Fürst I. Tschawtschawadse, A. Zereteli, Wajapschawela, U. Kasbeki, N. Barataschwili und anderen, befürchteten sie unsere Begeisterung für die Freiheit und Unabhängigkeit unserer Heimat und die Ansteckung unserer jungen Seelen mit den neuen Lehren des Sozialismus. Was die weltliche Verwaltung an literarischen Werken zur Bildung uns zum Lesen schließlich noch gestattete, das verbot uns, weil wir künftige Geistliche waren, die Kirchenverwaltung. Die Werke von Tolstoj, Dostojewskij, Turgeniew und vielen anderen blieben uns vorenthalten.

Das tägliche Pensum der Schule begann in den frühesten Morgenstunden mit Kirchendienst. An den zahlreichen Sonn- und Feiertagen fanden auch noch längere Andachten statt. Da standen wir 3 bis 4 Stunden unter den unablässig uns scharf beobachtenden Blicken der Mönche, immer auf demselben Fleck, auf derselben Steinplatte des Kirchenbodens, das Körpergewicht in Müdigkeit von einem Bein auf das andere verlegend. Selbst der Frömmste mußte bei der endlosen Dauer des Gottesdienstes das Beten verlernen. Hinter andächtigen Mienen verbargen wir den aufsichtführenden Mönchen unsere Gedanken. Durch die bunten Kirchenfenster warf die frühe Morgensonne ihr leuchtendes Licht und lockte uns schmerzhaft  vergebens hinaus aus den Mauern der Schule, die wir nur nachmittags von 3 bis 5 Uhr verließen.

Natürlich gab es auch im Seminar einen dunklen Karzer, den die Aufseher sehr freigiebig für geringe Verfehlungen gegen die Schulzucht zum Aufenthalt für einige Stunden anwiesen. Die mageren Fastenessen förderten Krankheiten und aus Erkältungen entstanden die schweren Leiden. Mancher Schulkamerad, halb Kind, halb Mann, hat das Seminar verlassen.. zum letzten Weg.

 

Die erste jungsozialistische Organisation

Im Jahre 1894 konstituierte sich in Georgien die Sozialdemokratische Partei. Der Gedanke des Sozialismus, gestützt auf die Lehre von Karl Marx, hatte schon einige Jahre früher Eingang in Georgien gefunden und wurde ist losen Gruppen und von einzelnen Schriftstellern, besonders von N. Jordania, gefördert und gepflegt. Der Zusammenschluß aller dieser Gleichgesinnten aber erfolgte erst, als die rassischen Sozialisten ihre Organisation über das ganze Reich ausdehnten.

Der Zulauf zur Partei war um so größer, je schärfer und grausamer die zaristische Regierung die neue Bewegung unterdrückte. Den russischen, zu allermeist elend vegetierenden Untertanen schien die neue Lehre ein Evangelium zu sein. Der Georgier hing der sozialistischen Lehre mit besonderer Hingebung an, weil sie ihm auch den Weg wies in die nationale Freiheit der Heimat.

Die Verhältnisse im geistlichen Seminar zu Tiflis zwangen auch uns Jugendliche, uns mit diesen neuen Ideen zu befassen. Es war natürlich, daß sich die erste sozialistische Jugendorganisation im Seminar bildete.

Zehn Schüler des Seminars, darunter Soso Dschugaschwili und ich, fanden sich heimlich zusammen und gründeten die erste jungsozialistische Organisation. Ein älterer Schüler, Dewdariani, der zum Führer gewählt wurde, nahm seine Aufgabe sehr ernst. Er arbeitete ein Programm aus, demzufolge wir uns in sechs Jahren zu vollwertigen sozialdemokratischen Führern, auszubilden hatten. Er schrieb uns genau die Literatur vor, die wir durchzuarbeiten hatten: georgische, russische, europäische, die bekanntesten Werke der Naturwissenschaft, der Soziologie und schließlich die Werke der sozialistischen Vorkämpfer Marx und Engels. In geheimen Zusammenkünften hielten wir Referate über die verschiedensten Fragen, denen ein sehr eifriger und interessierter Gedankenaustausch folgte.

Wir waren uns der Illegalität unserer Verbindung bewußt. Die Aufdeckung unserer Zusammenkünfte und das Bekanntwerden unserer Bestrebungen und Ideen hätten uns nicht nur die brutale Strenge der Schulaufsicht verspüren lassen, sondern hätten uns auch der barbarischen Justiz ausgeliefert. Ängstlich verbargen wir deshalb die sozialistischen Schriften, und in Hangen und Bangen nur verstrich die Zeit unserer geheimen Versammlungen.

Schrecklicher als die Relegation und Bestrafung durch  ein Gericht, die uns nur persönlich treffen konnten, war für uns das Bewußtsein, unsere Eltern, die unser Tun nicht hätten begreifen können, durch die öffentliche Schande zu kränken. Wir wußten, daß unsere Eltern der allgemeinen Ächtung preisgegeben worden wären. Wir wollten ihnen auch die Sorgen ersparen, denen sie ist Trauer nachgehangen hätten, wenn man uns in den Kerker gesperrt oder nach Sibirien verbannt hätte.

Die verbotene Literatur nun verschaffte uns andere und nachhaltigere Eindrücke von der Naturwissenschaft, von der Geschichte der Völker und der Lebensart und -bedingung der Menschen, als die uns vorgesetzten, vorsichtig ausgewählten Werke. Den nachhaltigsten Eindruck auf Soso Dschugaschwili und mich machten die Werke der georgischen Literatur, in denen immer wieder der Freiheitskampf der Georgier verherrlicht zum Ausdruck kam.

Soso und ich haben uns oft über das tragische Schicksal Georgiens unterhalten. Wir waren begeistert von den Schriften des Dichters Schota Rustaweli, der schon im 12. Jahrhundert hohe, menschliche Gedanken bewies, die Freundschaft verherrlichte, die Liebe zu Frau und Mutter pries und die Heimat besang.

Sosos Traumgestalt und Vorbild war “Koba”, der Held in Kasbekis Roman “Runu”. Koba war der Führer der unterdrückten Bergbevölkerung, die im Kampf gegen die Gewalttätigkeiten der zaristischen Behörden durch Verrat dem russischen Militär unterlag und verblutend den letzten Rest der Freiheit verlor. Koba liebte seine Heimat und seine Frau Runu, denen er alles, auch das Leben opferte.

Koba war Sosos Gott geworden, der Sinn seines Leben. Er wollte ein zweiter Koba werden, Kämpfer und Held, berühmt wie dieser. Die Gestalt Kobas sollte in ihm wieder aufleben. Er nannte sich von nun an selbst , “Koba” und duldete nicht mehr, daß man ihn anders, rief. Sein Gesicht glänzte vor Stolz und Freude, wenn wir ihn mit ”Koba” anredeten. Lange Jahre behielt Soso diesen Namen, der auch sein erstes Pseudonym war, als er anfing, sich schriftstellerisch und propagandistisch für die Sozialdemokratische Partei zu betätigen. Von  seinen Freunden wurde der Name “Koba” für Soso in alle Teile bis georgischen Landes getragen. Noch jetzt nennt man ihn in Georgien immer nur “Koba” oder “Koba –Stalin”.

Sein Ehrgeiz vollbrachte es auch im Seminar, daß er in seinen Leistungen uns alle weit überragte. Er empfand es als unnatürlich, daß ein anderer Mitschüler Führer und Organisator unserer jungmarxistischen Gruppe sein sollte, während er die meisten Referate hielt. Er wußte, daß keiner von uns zu so lebhaften Diskussionen hinreißen konnte, wie er. Koba hing der Lehre des Sozialismus nicht wie wir aus nachdenklichem Verständnis, sondern aus fanatischem Sinn gegen jede Obrigkeit und gegen die besitzenden Klassen an.

Eines Abends schlichen Koba und ich uns heimlich aus dem Seminar nach dem Mtazminda in ein kleines, an den Felsen angelehntes Haus, das einem Arbeiter der Tifliser Eisenbahnwerkstatt gehörte. Die uns gleichgesinnten Seminaristen folgten bald verstohlen, wie wir. Mit uns versammelte sich noch die sozialdemokratische Arbeiterorganisation der Eisenbahn.

Ein aus Sibirien geflüchteter politischer Sträfling hielt einen Vortrag über die menschenunwürdige Verfolgung der Revolutionäre durch die zaristische Polizei und die grausame Behandlung der politischen Gefangenen in der sibirischen Wildnis. Er erzählte, wir er oft mit seinem Leben abgeschlossen hatte, wenn unter Peitschenhieben und der unmenschlichen, seine Kräfte weit übersteigenden Fronarbeit der Körper zusammenbrach. Er hätte nie gehofft, die Heimat wiederzuschauen. Nur der Gedanke, Opfer zu sein im Kampf der Unterdrückten gegen eine barbarische Obrigkeit, hätte ihn aufrechterhalten und ihn die furchtbaren Leiden ertragen lassen. Mit feurigen, tief eingefallenen blauen Augen, magerem, blassem Gesicht, dem die fortschreitende Schwindsucht eingezeichnet war, stand er vor uns in seiner schwarzen Bluse mit der roten Krawatte und sprach mehrere Stunden mit seltener Beredsamkeit und Eindringlichkeit.

Ormozadze, so hieß er, war der Märtyrer unseres Glaubens an die kommende Verbrüderung aller Menschen und Völker. Uns Jungen ist dieser Vortrag unvergeßlich geblieben. Wir waren tief erschüttert von seines Anklagen gegen die zaristische Autokratie, gegen die Willkürherrschaft des feudalen Grundbesitzes und das ausschweifende Leben der bevorzugten Kasten. Welche seelische und körperliche Not der versklavte Bauer und Arbeiter und der kleine Beamte in Wirklichkeit litt, lehrte uns erst Ormozadze sehen und begreifen. Sein Appell an uns, zu kämpfen für die Freiheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit und zu wirken für die Versöhnung aller Völker untereinander, blieb in uns haften für alle Zeit, bestimmte unser ganzes. zukünftiges Handeln und erzeugte den festen Willen, nie müde zu werden, für diese hohen Ziele  zu kämpfen. Mehr als bisher widmeten wir uns der Pflege des sozialistischen Gedankens und waren bestrebt, uns die geistige Unterlage zu schaffen, die uns Voraussetzung schien für die Möglichkeit, Führer und Gestalter der neuen Lehre zu werden.

Selbstbewußter geworden, kam es, daß wir mit der Zeit weniger vorsichtig bei unseren Zusammenkünften und beim Studium unserer verbotenen Literatur wurden. Die Leitung des Seminars mußte Verdacht geschöpft haben. Plötzlich unterwarf man uns zehn Seminaristen einer besonders scharfen Kontrolle. Der Inquisitor Abaschidse durchsuchte erst unvermittelt und dann regelmäßig unsere Bücher- und Wäschekisten nach verbotener Literatur. Besonders streng war man gegen Koba, gegen den man, wie es uns schien, schon greifbaren Verdacht hegte. Man hat ihn aber nie überführen können. Um so größer wuchs die Wut der Aufseher und der Lehrer gegen ihn, die auch seine guten Leistungen nicht mehr anerkennen wollten. So kam es, daß Koba, der die Nutzlosigkeit eifrigen Studiums für sich erkannte, allmählich der schlechteste Schüler im Seminar wurde. Er quittierte die Vorhaltungen der Lehrer mit seinem giftigen, geringschätzigen Lachen.

Wir lasen heimlich während der Unterrichtsstunden, während des Gottesdienstes und der Predigten “unsere” Bücher. Auf dem Schultisch war die Bibel aufgeschlagen, auf dem Schoß aber lag bei dem einen Darwin, bei dem anderen Marx, bei dem dritten Plechanow oder Lenin. In der Freizeit versteckten wir uns auf dem Hof, von oben her in dem drei Meter hohen Stoß von Brennholzkloben und lasen. Der Jesuit Abaschidse, der uns schon lange wegen Koba argwöhnisch beobachtete, ertappte uns eines Tages beim Einsteigen. Unsere Bücher fand er nicht; wir hatten sie in den Holzhaufen fallen lassen. Trotzdem wurden wir beide sofort in den Karzer gesperrt. Bis zum späten Abend saßen wir in der Dunkelheit ohne Essen. Der Hunger machte uns rebellisch; wir schlugen mit Füßen und Fäusten gegen die Tür. Der Mönch brachte uns Essen, aber aus der Zelle nahm er uns erst, als es Zeit zum Schlafengehen war.

Wenn der Aufseher im Schlafsaal die letzte Kontrolle gehalten und das Licht gelöscht hatte, steckten wir die Kerze an und lasen bei flackerndem Licht weiter. Koba übertrieb es und gönnte sich kaum mehr eine Nachtruhe. Er sah übernächtigt und krank aus. Als er zu husten anfing, nahm ich ihm in vielen Nächten das Buch aus der Hand und löschte die Kerze aus.

Die Weltanschauung, die wir Jungmarxisten pflegten und in Gesprächen mit den anderen Seminaristen auch propagierten, zog allmählich einen klaren Trennungsstrich im freundschaftlichen Verhalten zwischen unserer sozialistischen Gruppe und den übrigen Mitschülern. Aus dem Wortgefecht entwickelten sich sehr oft erhebliche und nicht ungefährliche Schlägereien, von Koba angeschürt und angeführt.

 

Kobas Bolschewismus

 

 Die kameradschaftliche und von der Begeisterung erfüllte Arbeit unserer jungsozialistischen Gemeinschaft hat uns schnell das Wissen vermittelt, das notwendig war, um in das Wesen des Sozialismus eindringen zu können. Die Theorie gab uns die offenen Augen, das Leben des Russen und insbesondere des unterjochten Georgiers zu sehen, das sich in Not, Bedrückung und Rechtlosigkeit freudlos und in stumpfer Lethargie von der Geburt bis zum Grabe abrollte. Die Wirklichkeit des sozialen Lebens der Volksgenossen gab uns immer wieder Fragen auf, die wir uns gegenseitig beantworteten und theoretisch in freier Rede zu lösen versuchten. Scharfe Kritik stieß auf noch schärfere Gegenkritik, und erhitzte Gemüter lieferten sich leidenschaftliche Redekämpfe um die Anerkennung ihrer Meinungen.

Die erst so fest verbundene Zusammengehörigkeit hätte nie leiden brauchen, wenn nicht Koba, der es selbstverständlich fand, immer Wortführer zu sein, und der allein eine Kritik seiner Auslegung irgendeines Problems nie zulassen wollte, in seiner Überheblichkeit und seinem giftigen Zynismus den persönlichen Streit in die Gesellschaft der Freunde getragen hätte. Die Anerkennung der Meinung eines anderen war ihm bei seinem Ehrgeiz, sich niemandem unterzuordnen, unmöglich. Wer es wagte, ihm zu widersprechen oder auch nur ihn aufzuklären, hatte bald mit seiner erbarmungslosen Feindschaft zu rechnen. Seine Ideen wichen immer mehr von der Grundsätzen des Sozialismus ab. Die Voraussetzung des sozialistischen Staatssystems, nämlich die regierende Gewalt des gesamten Volkes, lehnte er ab und übersetzte den Begriff der Volksherrschaft in die Herrschaft einzelner weniger aus dem Volke. Durch blutige Gewalt müßte diese Herrschaft so schnell als möglich errungen werden. Diese Auffassung; war bei ihm nicht das Ergebnis einer ehrlich erworbenen und verstandesmäßig eingekehrten Erkenntnis, sondern das naturgemäße Produkt seines persönlichen Machtwillens, seines ihn körperlich und geistig beherrschenden, erbarmungslosen Ehrgeizes.

Er sah überall und in allem nur die negative, die schlechte Seite und traute den Menschen überhaupt keine idealen Gedanken und Eigenschaften zu. Für die Arbeiter trat er nur ein, weil er sich ein Teil davon wußte, und weil auch ihn die Unterdrückung der Notleidenden traf. Sonst aber sah er im Proletariat nur das lebendige, blinde Werkzeug, das leicht zu führen war und ihm diente. Nach seiner Meinung mußte die unter dem Zaren entstandene Kultur erst einmal einer völligen Vernichtung anheimfallen, von der auch Millionen Menschenleben nicht ausgenommen werden sollten. Die versklavten Proletarier sollten die stummen Stützen seines utopisch-sozialistischen Gebäudes sein, in dem er, möglichst allein, herrschen wollte.

Meine Gruppe dagegen setzte an die Stelle der Gewalt und der Vernichtung die Aufklärung und die fortschreitende, möglichst opferlose revolutionäre Umgestaltung des zaristischen Staatswesens in die Form des demokratischen Volksstaates. Oberstes Gesetz war für uns die Liebe zum Menschen.

Unter Kobas Verhalten litt die Harmonie unserer  Zusammenkünfte immer mehr und mehr. Die einen Mitschüler wurden gerade durch sein Beispiel, das der sozialen Grundforderung nach Gleichheit in der krassesten Form zuwiderlief, völlig irre an dem Glauben an die Anwendbarkeit der sozialistischen Thesen und verloren die Hoffnung auf eine sozialistische Weltverbesserung, die nach Kobas Proklamationen doch nur darin bestehen sollte, daß an die Stelle des Zaren zwar einige Männer aus dem Volke, aber immerhin Usurpatoren treten sollten. Andere Schüler wieder wurden zurückhaltend und vorsichtig und mieden die Beteiligung an den kritischen Aussprachen – aus Furcht oder aus der Einsicht in die Nutzlosigkeit des Versuchs, Koba zu überzeugen oder ihn auch nur zur Toleranz zu bewegen.

Zwei Parteien, für und gegen Koba, bildeten sich im Laufe der Jahre heraus; aus dem sachlichen Kampf wurde der widerwärtigste, persönliche Streit, der um nichts mehr ging, als um die uneingeschränkte Führerschaft Kobas einerseits und die Gleichberechtigung aller Mitglieder andererseits.

Seine schärfsten Gegner waren Dewdoriani, Natroschwili und ich. Kobas geistige Verwandtschaft waren Lenin, Bakunin und Blank, wir dagegen bekannten uns zu Plechanow und besonders zu N. Jordania, der damals aus Deutschland zurückkehrte, wo er Theorie und Praxis des Marxismus studierte. Jordania gab damals in Tiflis auch die erste sozialdemokratische Zeitschrift, “Kwali” (“Furche”) heraus. Wir haben Redaktion der “Kwali” öfter heimlich besucht. Auch Koba ging einige Male mit, machte sich aber hinterher über die Männer in der Schriftleitung lustig.

An Kobas Gedanken hat sich keiner berauscht. Was ihm aber, wie schon in der Pfarrschule zu Gori, Anhänger verschaffte, war die Angst vor seinem brutalen Zorn und seinem grimmigen Spott. Seine Anhänger gaben sich seiner Führung hin, weil sie sich sicher unser seinen Fittichen fühlten. Wie Papageien plapperten sie alles nach, was ihnen der kleine Diktator Koba vorsetzte. Nur Menschentypen, die geistlos und radaulustig genug waren, alles kritiklos hinzunehmen und zu loben, was er predigte und tat, konnten seine Freunde werden.

Er wußte nur zu gut, daß ihm in nachdenklichen Kameraden keine Helfershelfer erwachsen konnten. Koba spaltete die Gemeinschaft der Jungmarxisten in einer Zeit, wo es noch keine Bolschewisten und keine Menschewisten gab.

Die christliche Religion, die nach Kobas Ansicht nur den Geistlichen und den Fürsten diente und diese schützte, lehnte er ebenso ab, wie den Begriff Moral. Er war Atheist aus Liebe zur Gewalt. Er vergötterte sich allein; seine Seele war das “Ich”.

Aus seinem grenzenlosen Ehrgeiz, Abgott der Massen zu sein, erklärt sich auch heute noch seine Einstellung zur Religion, von der er nichts anderes befürchtet, als die Ablenkung der von ihm tyrannisierten Untertanen auf ein anderes Wesen, das ihm die schmeichelnde Verehrung streitig machen könnte.

Die metaphysische Weltanschauung pflanzte er bei seinen Anhängern an die Stelle der Religion. Dafür kämpfte er wieder mit .mit Hartnäckigkeit und Rücksichtslosigkeit, wie ein jesuitischer Mönch für seine Lehre. An der Ermittlung und Feststellung der Wahrheit lag Ihm nichts, er bestritt und verteidigte, was er vorher behauptet oder verdammt hatte. Sieg und Triumph für ihn waren weit wertvoller.

Um Koba bildete sich eine Keine, jugendliche Schar von Seminaristen, die dem Marxismus eine andere Auslegung unterschoben und ihn nach den selbstsüchtigen Wünschen Kobas gewalttätig veränderten.

Trotzdem ich seine Ansichten und unmoralischen Gewaltideen besonders scharf kritisierte, verhielt er sich zu mir kameradschaftlich, wenn wir uns unpolitisch unterhielten und uns zur Schularbeit zusammenfanden. Wir sangen zusammen noch georgische Volkslieder und erzählten uns von unserer Kinderzeit in Gori. In solchen Augenblicken war er dann wieder Soso.

Das Zeugnis, das ihm die Seminarverwaltung zum Übertritt in die sechste und letzte Klasse ausfertigte, war so schlecht, daß Koba beschloß, das Seminar zu verlassen. Er wußte, daß der Haß der Mönche sich dem erfolgreichen Besuch der letzten Klasse widersetzen würde und daß, welche Leistungen er auch vollbringen konnte, sie doch keine Anerkennung oder eine gerechte Zensur gefunden hätten. Seine Absicht war, aus dem Kampf gegen den Zarismus und für das Proletariat einen Beruf zu machen und sich ganz der parteipolitischen Tätigkeit zu widmen. Er fand seine Kenntnisse genügend für eine agitatorische Tätigkeit. Ich versuchte ihn zu bewegen, noch die sechste Klasse zu vollenden und dann mit mir in Rußland eine Universität zu beziehen. Eine georgische Universität existierte aus begreiflichen Gründen noch nicht. Koba aber ließ sich nicht abhalten, sein Vorhaben auszuführen.

1899 verließ er das Seminar und nahm einen grimmigen, verbissenen Haß mit gegen die Schulverwaltung, gegen das Bürgertum und alles, was im Lande existierte und den Zarismus verkörperte. Haß gegen die Obrigkeit.

 

Vorboten der Revolution

Im Jahre 1899, nach seinem Austritt aus dem Seminar, arbeitete Koba für einen geringelt Lohn als Angestellter im Observatorium zu Tiflis: Die Beschäftigung dort behagte ihm, weil sie ihm Freiheit und Zeit ließ, sich agitatorisch für die Sozialdemokratische Partei zu betätigen. Auf ein persönliches gutes Auskommen kam es ihm ans allerwenigsten an. Er stellte keine Ansprüche an das Leben und hielt solche auch für unvereinbar mit den sozialistischen Grundsätzen. Er war ehrlich genug, seinen Ideen persönliche Opfer zu bringen. Ein klein wenig mochte ihn bei seiner Lebensführung auch die Berechnung geleitet haben. Er war sich bewußt, daß sich das arme, hungrige Volk an seinen Reden nicht berauschen würde, wenn er nicht selbst auch schon äußerlich sich als zum Proletariat gehörig kennzeichnen würde.

Ich habe ihn oft in seiner kleinen, ärmlich und spärlich eingerichteten Stube in der Michailowstrasse besucht. Koba trug alle Tage eine einfache, schwarze russische Bluse mit der für alle Sozialdemokraten charakteristischen roten Krawatte.

Im Winter zog er darüber einen alten, braunen Mantel. Als Kopfbedeckung kannte er nur die russische Mütze. Wenn Koba auch nicht als der Freund aller jungmarxistischen Seminaristen von der Schule ging, so haben doch alle sich zusammengetan, um ihn dann und wann in seiner Not zu unterstützen.

Es ist wahr, daß seine Einkünfte ihm keine Möglichkeit ließen, sich gut zu kleiden, es ist aber auch wahr, daß er selbst kein Bestreben hatte, seine Kleidung wenigstens sauber und ordentlich zu halten. Man sah ihn nie ohne schmutzige Bluse und ungeputzte Schuhe. Alles, was an den “Bourgeois” erinnerte, haßte er aus tiefster Seele. Ein weißer Kragen oder ein europäischer Anzug waren für ihn die Uniformstücke des satten Bürgers. Ihren Trägern galt sein Haß.

In den Augen der Sozialisten wurde natürlich nicht jeder Mensch als “Bourgeois” verstanden, der etwa außerhalb der sozialistischen Weltanschauung stand, sondern der reiche und der einflußreiche Bürger, der in einer Front mit dem feudalen Adel und der selbstherrlichen Geistlichkeit den Absolutismus des Zaren aus purem Eigennutz stützte. In Wahrheit war der Zar in seiner Person weniger der Exekutor der absoluten Staatsgewalt, als die Kaste der Bevorzugten, die uns her gesetzlichen Autokratie des Zaren eine ungesetzliche Plutokratie machte.

Koba allerdings betrachtete jeden Menschen als “Bourgeois”, der es sich leisten konnte oder darauf hielt, einen weißen Kragen zu tragen und der öffentlichen Ordnung oder der Kirche in irgendeiner Form diente. Einen Zwang hierzu aus Existenzgründen erkannte er nicht.

Auf seinem kleinen Tische lag immer ein Stapel verbotener, meist marxistischer Bücher von Plechanow, Lenin und anderen. Besonders liebte er Lenins Bücher und Schriften.

Die darin entwickelten Gedankengänge und Thesen kamen seinen eigenen Ideen vom Sozialismus am nächsten. Lenins Weltanschauung war auch die seine, schon bevor dieser sie gedruckt der Öffentlichkeit übergeben konnte. Koba stattete uns manchmal seinen Dank dadurch ab, daß er uns im Seminar besuchte und uns die neuesten Werke der verbotenen Literatur zuschmuggelte.

Mit nimmermüder Energie widmete sich Koba in seiner freien Zeit der Verbreitung der sozialistischen Lehre, wie er sie verstand, und warb Anhänger für die Sozialdemokratische Partei, die durch die von ihm geleiteten und organisierten Zellen starken Zulauf fand. Die Arbeiterschaft von Tiflis kannte Koba sehr bald und sehr gut. Die rednerische und propagandistische Begabung Kobas fand ihren Wirkungskreis und trug unerwartet reiche Früchte für die Partei.

Fortschreitend bis in alle Städte Georgiens, faßte die Sozialdemokratische Partei mit einer einheitlichen Organisation immer festeren Boben. Ihr erster und vielleicht auch bester Leiter in Georgien war S. Djibladse, bei dem in Tiflis alle Fäden zusammenliefen. Koba und ich hatten uns schon vom Seminar aus mit diesem begabten uneigennützigen Organisator in Verbindung gesetzt. Wir durften seine väterlichen Lehren und Ermahnungen hören. Er gab uns viele Anregungen, bestärkte uns in unseren Ansichten und hatte unsere Zweifel ausgelegt und beseitigt. Djibladse arbeitete eng und brüderlich zusammen mit N. Jordania.

In “Kwali” veröffentlichte ich 1900 meine erste Erzählung. Als Koba mich einige Tage später traf, begrüßte er mich freudestrahlend und fragte mich examinierend:

Welcher Hauptgedanke hat dich zum Schreiben deiner Erzählung bewogen?”

Ich antwortete: “Die Not des armseligen, versklavten Bauern und die Kulturlosigkeit des Dorflebens hat mich zu der Überzeugung gebracht, daß die Dorfbewohner, die die Masse des Volkes darstellen, am leichtesten für die sozialistische Idee zu gewinnen sein werden, weil sie am meisten unter der Entrechtung leiden. Die Revolution muß auch vom Lande ausgehen. Ich habe mit meiner Erzählung die Landbevölkerung aufrütteln und den Boden für unsere Agitation auch unter ihr bereiten wollen.”

Wie alte, gute Freunde sind wir auseinander gegangen.

Im Jahre 1900 feierte die georgische Sozialdemokratie zum erstenmal den 1. Mai. Die ihr anhängende Arbeiterschaft ließ eine vierundzwanzigstündige Arbeitsruhe eintreten und versammelte sich außerhalb der Stadt Tiflis zu einer würdigen Feier, die gerade uns Jungsozialisten unvergeßlich bleiben mußte, weil wir den feierlichen Schwur der Alten hörten, in Not und Tod zusammenzustehen und zu kämpfen für die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Auch Koba hielt mit beredter Zunge und von Leidenschaft durchglüht einen Vortrag, der uns ehrlich begeisterte.

Uns war klar, daß der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts auch der Anfang war einer revolutionären Epoche, und daß die Volkserhebung in eiligem Tempo und im unaufhaltsamen Wirbelsturme sich anschickte, das feudale System des Zarismus zu erdrücken und eine Herrschaft des Volkes für das Volk auf. aufzurichten.

Die erste Maifeier in Tiflis

Die erste Maifeier im Jahre 1901 war der öffentliche Auftakt der sozialdemokratischen Bewegung in Georgien. Furchtloser denn je, schloß sich die arbeitende Bevölkerung der allgemeinen Erhebung an. Die Brutalität, mit der die zaristischen Machthaber die sozialdemokratischen Führer und Anhänger aufspürten und verfolgten, verstärkte nur dem Zulauf und überzeugte erst recht die Masse von der Notwendigkeit, sich einzugliedern in die Reihen der Kämpfer gegen das herrschende System, für das Recht auf Freiheit und Menschlichkeit.

Allen Drohungen zum Trotz rief die Parteileitung von Tiflis für den 1. Mai 1901 zu einer großen Demonstration auf dem Marktplatz auf. Das war ein unerhörtes Beginnen; das war öffentliche Rebellion gegen die Allmacht des Zaren. Daß die Polizei mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln dagegen einschreiten und sich den Gehorsam verschaffen würde, war allen Sozialisten klar. Jeder wußte, daß er nichts Geringeres als sein Leben zu opfern zu gewärtigen hatte, wenn er dem Ruf der Partei Folge leistete. Und doch: sie kamen und kamen in unabsehbaren Massen, um zu zeigen, daß sie eine Macht zu begründen im Begriff waren, der die Zukunft gehört und die durch kein Gebot mehr zu unterdrücken war. Es mußte den Gewalthabern klargemacht werden, daß der Staat das Volk war, das sich nicht auf die Dauer wie eine Horde stumm treiben und vergewaltigen ließ, und das nicht weiter willenloses Werkzeug für eine kleine Schicht genusssüchtiger Schmarotzer, die alle Rechte für sich in Anspruch nehmen durften, sein wollte.

Kaum hatte sich die Menge der Feiernden um die rote Fahne auf dem Marktplatz gesammelt, da sprengten schon von allen Seiten in rasendem Galopp und gezogenen Säbeln und peitschen die Kosaken an. Sie ritten die Außenstehenden zu blutigen Massen und schlugen in kannibalischem Blutrausch auf die Demonstranten ein. Aus der Mitte des riesigen Menschenknäuels, das sich immer enger und trotziger um die

rote Fahne geschlossen hatte, erschollen die Befehle der revolutionären Führer und forderten zum Angriff gegen die wilde Soldateska auf. Da rissen plötzlich die Arbeiter aus ihren Röcken versteckt gehaltene Stöcke und stürzten sich auf die Kosaken, erwiderten Schlag um Schlag und rissen sie von den Pferden. Der Widerstand der einig um ihre Leben kämpfenden Demonstranten zerbrach die Kraft des Militärs. Die Kosaken zogen sich, ihre Niederlage erkennend, zurück.

Eine kurze Weile war Ruhe über dem Platz. Die verwundeten Arbeiter wurden weggebracht, und die Redner begannen mit zündenden Worten die Feier. Plötzlich war der Platz von schwerbewaffneter Polizei und Gendarmerie umstellt. Das Kommando “Pli” = “Feuer” erscholl, und aus den Mündungen hunderter Gewehre krachten die Salven gegen die Versammelten. Totenstille; dann Schreien und Jammern der Verwundeten. Groß war die Zahl der Toten. Die sozialdemokratischen Führer wurden gefesselt abgeführt, während sich die am Leben gebliebenen Demonstranten um die Toten und Verwundeten bekümmerten.

Das Militär feierte seinen Sieg; Tiflis und mit ihm ganz Georgien aber trauerte. Die Trauer aber ließ die nun einmal aufgesteckte Fackel der Revolution hell aufflackern. Unbeschreiblich groß wurde die Empörung im Volke; die Idee des demokratischen Volksstaates, der Wunsch nach Frieden und Wohlergehen unter den Menschen wurde das Allgemeingut aller Bedrängten und Geknechteten. Die Proklamation des sozialdemokratischen Komiteeausschusses und fand eine begeisterte und weit in alle Winkel des Landes verbreitete Aufnahme.

Lange Tage nach dem 1. Mai waren die Massenverhaftungen noch immer im Gange und der Vertreter des Zaren verbannte die hervorragendsten Männer nach Sibirien.

Koba, auch einer der gesuchten Anführer, hatte sich vom Marktplatz weg vor der Verhaftung retten können. Die Polizei hat ihn noch wochenlang vergebens gesucht. So mußte er sich auch in Gori versteckt halten. Heimlich und in den Nachtstunden besuchte er mich oft in der Wohnung, die ich nach Beendigung meiner Studien bezogen hatte, als ich, nachdem ich die Absicht, Geistlicher zu werden, aufgegeben hatte, an der geistlichen Schule zu Gori Anstellung als Lehrer gefunden hatte.

Die Feier des 1. Mai zu Tiflis hat in Koba den stärksten Eindruck hinterlassen. Er sprach mit glänzenden Augen von der allgemeinen Empörung der demonstrierenden Massen und pries den heroischen Kampf der Revolutionäre. Ich merkte ihm nicht ohne Besorgnis an, daß ihn gerade dieser blutige Ausgang der Demonstration so begeisterte. Im Kampf auf Leben und Tod mußte nach Kobas Meinung die Bewegung erstarken; blutiger Kampf mußte die schnellste Entscheidung bringen.

Im Jahre 1902 fand in Tiflis keine öffentliche Maifeier statt. Die Parteileitung verlegte sie nach Batum. Auch dort kam es zu blutigen Unruhen.

Einige Tage nach dem 1. Mai 1902 verlangten in später Nacht zwei unbekannte Männer durch leises Klopfen Einlaß in meine Wohnung zu Gori. Auf ihren erschrockenen Gesichtern stand eine geheimnisvolle Mission geschrieben:

“Wir sind Arbeiter aus beim Petroleumwerk von Batum. Koba schickt uns zu Ihnen mit diesem Zettel. Die Polizei sucht ihn als den Urheber der dortigen blutigen Maifeier. Sollte er verhaftet werden, wird er sich auf Sie berufen und Sie sollen sagen, daß er sich am 1. Mai in Gori aufhielt. Koba wird sich auf Ihre Zeugenschaft berufen.”

Und sie erzählten weiter:

“Koba führte den Kampf der demonstrierenden Arbeiterschaft gegen die Polizei. Die Polizei schoß auf die Demonstranten; die Arbeiter warfen mit Pflastersteinen. Auf beiden Seiten gab es viele Tote und noch mehr Verletzte. Die Gefängnisse in Batum sind überfüllt.”

Ich gab den Boten die Versicherung, für Koba im gewünschten Sinne auszusagen.

In Verfolg dieser Demonstration schloß der Vertreter des Zaren im Kaukasus sämtliche Petroleumwerke zu Batum und entließ die Arbeiter, weil es als erwiesen galt, daß die Belegschaft dieser Werke den revolutionären, sozialdemokratischen Gedanken pflegte und der Ausgangspunkt war für die rasche und ungeheuere Verbreitung der neuen Idee, die in kurzer Zeit in ganz Georgien die vorherrschendste, fast allgemeine Weltanschauung wurde.

In der Provinz Guria, der kulturell fortgeschrittensten Provinz Georgiens, brach bald darauf eine von keiner Seite erwartete, revolutionäre Bewegung der Bauernschaft aus und stellte, in Massen demonstrierend, der Regierung des Zaren ihre Forderung für ihr künftiges ökonomisches und soziales Leben vor: Erniedrigung der Pachtzahlungen, Herabsetzung der unerträglichen Steuern, Kommunalisierung der Weideflächen und Wälder, Aufteilung des Großgrundbesitzes für die landarmen Bauern, Aufhebung der feudalen Vorrechte, wie Wasserrecht und Steuerrecht und die Abschaffung des Frondienstes. Die Forderungen, die auf den sozialdemokratischen Parolen: “Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit” basierten, waren gleichbedeutend mit einer offenen Kriegserklärung gegen die herrschende Klasse und einer Kündigung der willenlosen Untertanenherrschaft. Es war das erste Mal, daß die ganze Bevölkerung eines Ländergebiets gegen die Hoheit des Herrschers offen rebellierte.

Die Forderungen der Bauern der Provinz Guria wurden schon ein Jahr später die Forderung der gesamten Bauernschaft Georgiens.

Dem Zaren, oder vielmehr den eigentlichen Trägern und Nutznießern der absolutistischen Reichsgewalt gelang es zwar, mit den gewaltsamsten Methoden den offenen Aufruhr zu unterdrücken, jedoch der Gedanke und der Wunsch nach einer Volksregierung an die Stelle des unumschränkten Kaisertums wuchs und wuchs. Das einmal angesteckte Feuer glimmte immer weiter, weil es von der Regierung durch ihre Schrecken und Haß stiftenden Maßnahmen mehr genährt wurde, als alle Agitatoren es zu nähren vermochten. Damals wäre vielleicht der Zeitpunkt für eine volksfreundliche Reform des russischen Regierungssystems gewesen. Es wäre gut gewesen, gemäß dem betu Ziele der russischen Revolution auf das monarchistische Prinzip zu verzichten und dem Volke eine Verfassung mit demokratischen Prinzipien zu geben. Dann wäre das tragische Schicksal des Zaren sicherlich vermieden worden.

Die Regierung maß den lokalen Aufständen keine besondere Bedeutung bei. Sie traute den Untertanen, die in der Weltabgeschiedenheit ihrer Orte keine Meinung über Kultur und Bildung haben könnten, die Fähigkeit, die Vorteile der Demokratie gegen den Absolutismus des Zaren abzuwägen, nicht zu, und glaubte, daß den Untertanen der Geist genommen wäre, wenn die Führer zur Vorbeugung zu Sibirien verurteilt wären. Aber für jeden verbannten Führer und Agitator wuchsen zehn neue heran.

Koba hat sich noch einmal von der Verurteilung und Verbannung “freisprechen” können. Nichtsdestoweniger arbeitete er eifrig in den sozialistischen Organisationen und verstärkte die Reihen der Partei.

Im Jahre 1903 heiratete er. Seine Ehe war, so wie er sie verstand, glücklich. Freilich, von der Gleichberechtigung der Geschlechter, die er als Grundform für die Ehe in einem neuen Staate aufstellte, war in seinem eigenen Hause nichts zu merken. Es entsprach ja auch gar nicht seinem Naturell, sich mit irgend jemand nur als gleichberechtigt fühlen zu dürfen. Die Ehe war deswegen glücklich, weil seine Frau, die ihm an Belesenheit nicht folgen konnte, zu ihm wie einem Abgott aufsah, und weil sie eben als Georgierin in der geheiligten Tradition, daß das Weib dienen müsse, aufgewachsen war.

 

Der fraktionelle Kampf

Lenins Idee von Staat und Revolution hatte innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Groß-Russlands eine erhebliche Zahl von Anhängern gefunden, die sich immer mehr von den Grundprinzipien des gemäßigten und zwangsläufig erfolgenden Umsturzes entfernten. Lenins Gefolgschaft bestand auf Anwendung der brutalen Gewalt, mit der nach seiner Ansicht nur die Volksherrschaft aufzurichten war, während die gemäßigte Richtung an eine aus dem Volkswillen allmählich erwachsende, revolutionäre Umgestaltung glaubte, der die herrschenden Kreise in Rußland von selbst weichen müßten, weil ihnen das Volk in seiner überwältigenden Mehrheit die Gefolgschaft versagen würde.

Eine Überbrückung der Gegensätze im Streit der Meinungen über die taktischen und organisatorischen Maßnahmen zwischen den beiden Richtungen innerhalb der Partei war im Jahre 1903 nicht mehr möglich. Die Frage, welche Taktik im Kampf gegen das zaristische System anzuwenden war, stand im Vordergrund des Londoner Parteitages, dem dadurch historische Bedeutung für die sozialistische Bewegung Rußlands und der ganzen Welt zukam.

Lenin vertrat die Auffassung, daß nur der allgemeine bewaffnete Aufstand in Frage käme, während Plechanow die Verstärkung der organisatorischen und propagandistischen Tätigkeit und die bessere, politische Bildung der Massen zur Demokratie verlangte. Lenins Ideen fiel die Mehrheit der Stimmen zu; Plechanow unterlag.

Auf dem folgenden internationalen Arbeiterkongreß in Brüssel errangen die Radikalen unter Lenin wieder die Mehrheit gegenüber den Gemäßigten. Die Minderheit lehnte es aber ab, dem Mehrheitsbeschluß entsprechend, den Radikalismus, den man fortan anzuwenden entschlossen war, zu unter. stützen. Die Trennung der Minderheit (Menschewiki) von der Mehrheit (Bolschewiki) war die unausbleibliche Folge. Der Vorwurf an die Menschewiki, sich undemokratisch verhalten zu haben, weil sie sich dem Mehrheitsbeschlusse nicht fügten, konnte die Menschewiki nicht treffen, weil sie ihrer Grundauffassung von der friedlichen Durchsetzung nicht untreu werden wollten. Der von den Bolschewiki gepredigte Terror, der schon bloß in der Pflege einer anderen Weltanschauung ein todeswürdiges Verbrechen sah, konnte von den Gemäßigten nicht gepflegt werden, weil die Idee des Demokratismus in der Duldung der Weltanschauung und der Meinungsäußerung des einzelnen Volksgenossen in dem Begriff der “Freiheit” verankert war. Der Gedanke einer sozialen Demokratie vertrug es auch nicht, sich mit Blut und Mord zu beflecken. Der Begriff “Volk” mußte alle Menschen umfassen, wenn nicht auch die “Brüderlichkeit” zum Teufel gehen sollte. Die Idee des Bolschewismus war eine völlig neue, in der die Idee des Sozialismus keinen Raum hatte.

Koba, der schon immer ein begeisterter Verehrer der Leninschen Gewaltmethoden war, bekannte sich natürlich sofort zum Bolschewismus und wurde sein eifrigster Verfechter und Führer in Georgien. Es muß aber gleich hier gesagt werden, daß der Bolschewismus in Georgien auch nicht annähernd die Mehrheit der Sozialisten zu sich hinüberziehen konnte. Er verblieb immer in einer ganz verschwindend geringen Minderheit. Die kleinen bolschewistischen Organisationen, die Koba (Stalin) und andere ins Leben riefen. existierten nur in den wenigen größeren Städten, wie Tiflis, Baku und Batum. Selbst in Kobas und meiner Heimatstadt Gori, wo ich von 1902 bis 1906 politisch tätig war, befand sich kein einziger Bolschewik.

Die georgische Arbeiter- und Bauernschaft hielt in unverbrüchlicher Treue zu den menschewistischen Führern wie Jordania, Djibladse u. a. Der Georgier erstrebte in erster Linie die Befreiung des Heimatlandes; er war nicht geneigt, einzelnen Verführern nachzulaufen, die die Gewaltherrschaft Zaren durch eine andere Gewaltherrschaft ersetzen wollten, für die das Land Georgien doch wieder nur ein unfreier Gliedstaat seit, würde. Der Georgier wollte die politische Selbständigkeit seines Landes, in der er seine alte Kultur, der bisher der Raum zur Weiterentwicklung genommen war, wieder frei pflegen konnte. Dann wollte er sich sein Staatsgebilde selbst einrichten und in Frieden und Freundschaft leben mit sich und allen, Völkern.

Koba fand erst in der Fraktion, der Bolschewisten seine ihm völlig zusagende Tätigkeit. Sie war der Boden für seine Pläne. Sein heftigster Kampf galt nunmehr uns, seinen früheren Freunden. Er griff uns in allen Versammlungen und Diskussionen in der gehässigsten und niedrigsten Weise an und versuchte, überall Gift und Zorn gegen uns zu verbreiten. Wenn es damals nach Koba gegangen wäre, hätte er uns mit Stumpf und Stil ausgerottet. Sein Hauptziel war daher, erst die sozialdemokratische Fraktion zu sprengen. Er erschien auf allen unseren Versammlungen, um Uneinigkeit in unsere Reihen zu bringen. Aber die überwältigende Mehrheit aller Marxisten Georgiens stand weiter zu uns. Diese Tatsache steigerte seinen Zorn immer mehr.

In Georgien hatte sich weitaus der allergrößte Teil der Bevölkerung zu den sozialistischen Ideen bekannt und war bereit, für sie einzutreten. Die Sozialdemokratische – menschewistische – Partei hatte in wenigen Jahren das Volk zur Anteilnahme an den politischen Geschehnissen erziehen können. Der Georgier wandte sich bei seiner erlangten politischen Reife von den bolschewistischen Methoden ab und verabscheute sie.

Das Pogramm des grausamen, mittelalterlichen Terrors, der Expropriation und des bewaffneten Aufstandes war ganz und gar nicht nach dem Sinn der friedliebenden Bevölkerung. Vielmehr aber schloß sie sich zusammen in unseren sozialdemokratischen Organisationen nach europäischen Muster, die ihren geistigen Kampf nur auf die Erreichung einer politischen Demokratie ist einem freien und selbständigen Georgien, das seine geschichtliche und kulturelle Tradition bewahrte und pflegte, eingestellt hatten.

Das verbrecherische Treiben der Bolschewisten hatte sich schnell die allgemeine Verachtung zugezogen und ein einprägsames Bild gegeben, wie man sich diese “Volksherrschaft” vorzustellen hatte. Deretwegen hätte es sich nicht einmal gelohnt, den Absolutismus des Zaren zu bekämpfen, weil der Austausch des einen Systems mit dem andern ein sehr unvorteilhafter, zum mindesten ein völlig nutzloser gewesen wäre. Die Unfreiheit wäre nur von grausamer Gewalt und die leidliche Ordnung nur vom Banditenwesen und von Verbrechen, die zum Idol erhoben worden wären, abgelöst worden. Den Vorgeschmack von diesem “befreienden System” lieferte das programmatisch aufgezogene Rowdytum mit seinen, kriminell-verbrecherischen Überfällen, Morden und Menschenraub um Geld und Geldeswert und die einreißende Unsicherheit des öffentlichen Lebens, die die friedliche, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung bedrohte und zum Teil und lahmlegte. Koba war auch der Anstifter der von den Bolschewisten in Georgien verübten Verbrechen, die nur die Reaktion stärkten.

Im Sommer 1905 organisierte und leitete er einen planmäßigen Überfall auf einen Geldtransport der Staatsbank auf dem Erewanischen Platz zu Tiflis. Mit Bomben in den Händen drangen Kobas Anhänger am hellen Tage um 12 Uhr mittags auf die Begleitsoldaten ein. Mit ungeheurer Detonation explodierten die Bomben nacheinander. Entsetzt flohen die Passanten ziellos hin und her. In der Mitte des Platzes lagen die toten und verwundeten Soldaten unter den Trümmern des zerfetzten Wagens.

Den Attentätern fiel eine große Summe Geld in die Hände, das später nach der Schweiz dem geflüchteten Lenin zugesandt wurde. Koba-Stalins Freundschaft mit Lenin fing damit an.

Die Polizei hatte Koba auch diesmal täuschen können; sie hatte nicht einmal genügend Verdachtsgründe für seine Urheberschaft an dem grausamen Attentat. Die sozialdemokratische Partei Georgiens aber schloß Koba nunmehr auch offiziell aus und trennte sich endgültig von den Bolschewisten.

 

Die erste Revolution

Anfang Oktober 1905 proklamierten die russischen Eisenbahner den politischen Streik. Alle Eisenbahnwerkstätten waren stillgelegt, der Verkehr einheitlich eingestellt worden. Die zaristische Regierung mußte dem Druck der Massen nachgeben. Sie veröffentlichte am 17. Oktober 1905 das historisch gewordene Manifest des Zaren Nikolaus II., das die Presse- und Versammlungsfreiheit und in der “Duma” eine Volksvertretung versprach.

Der Eisenbahnerstreik zwang mich, in Tiflis zu bleiben. Als ich am 17. Oktober durch den Golowinischen Prospekt, die jetzige Rustawelistraße, entlang ging, wurde eben die telegrafische Nachricht von dem Erlaß des Manifestes verbreitet. Auf der Empore der Staatsoper stand ein bekannter Sozialdemokrat, in der Hand das Extrablatt, das er freudestrahlend in der Luft schwang, und verkündete die Nachricht der sich um ihn sammelnden Bevölkerung. Er pries den ersten Sieg der revolutionären Bewegung. Bald zogen aus allen Bezirken der Stadt lange Demonstrationszüge hinter den Fahnen der Revolution und eines freien Georgien nach dem Stadtinnern. Die Gesichter der Demonstranten glänzten vor Begeisterung und freudiger Erregung. Unabsehbar war die Menge vor der Oper und gewaltig der Gesang der Lieder der Freiheit. Eine festliche Stimmung unter dem smaragdgrünen, leuchtenden Himmel !

Von allen Seiten sprachen die Führer der Sozialdemokratischen Partei, von Wagen, Balkonen oder den Schultern kräftiger Männer herab. Ich sah auch Koba auf einen eisernen Kandelaber der Straßenbahn klettern und sah ihn dann mit gestikulierenden Händen seine Rede begleiten. Was er sprach, konnte ich nicht hören, weil es mir unmöglich war, mich durch die Menge zu drängen. Den Schluß der Kundgebung bildete das feierliche Bekenntnis zum Kampfe bis zum endgültigen und vollständigen Sieg.

Anderntags demonstrierten die sozialdemokratischen Arbeiter in der Vorstadt Nadsaladewi. Auf einer hohen Tribüne stand in seinem grauen, leuchtenden Haar der greise Djibladse, der Vater und unentwegte Kämpfer der Partei. Mit hocherhobenen Armen, die Augen zum Himmel gewandt, rief er laut und feierlich: “Genossen und Bürger! Jetzt, wo ich die Fahnen der Freiheit zum erstenmal offen und unbestürmt unter der heimatlichen Sonne flattern sehe, kann ich die Worte wiederholen, die Simeon zu Christus sagte.”

Weiter konnte er nicht sprechen. Die freudige Erregung ließ ihn ohnmächtig in die Hände treuer Mitkämpfer fallen.

Ganz Georgien, bis hoch in den Kaukasus, und ganz Rußland feierte tagelang den historischen, ersten Sieg über den Absolutismus des Zaren. Und der Kampf ging weiter.

 

Die schwarze Reaktion

Aufgemuntert durch den ersten Sieg kam der Moskauer Aufstand im Dezember 1905, der aber erfolglos zusammenbrach. Die zaristische Regierung, die die revolutionäre Bewegung erst durch die Moskauer Vorgänge richtig einschätzen gelernt hatte, hielt über das ganze, weite Land hin ein furchtbares Strafgericht und überwachte argwöhnisch die bolschewistischen und sozialistischen Organisationen, deren Führer sie alle, soweit sie ihrer habhaft werden konnte, in die Gefängnisse und in die Verbannung nach Sibirien geschickt oder hingerichtet hatte. Der Mut zum offenen oder auch nur versteckten Bekenntnis zur sozialistischen Weltanschauung war gleichbedeutend mit einem sich selbst gefällten Todesurteil, das ein schnelles Standgericht nur noch der Form halber aussprach. Hinter den Schritten der Freiheitskämpfer schlichen die Spitzel der zaristischen, politischen Geheimpolizei. Der Schrecken der schwarzen Reaktion erdrückte die Stimmung des Volkes.

Die blutige Welle des zaristischen Sühnegerichtes ergoß sich über Georgien, von dem man in Petersburg genau wußte, daß es in 90prozentiger Mehrheit des Volkes den sozialistischen Ideen anhing und die Verselbständigung des Landes betrieb.

Um dieselbe Zeit des Moskauer Aufstandes erhoben sich auch in der westgeorgischen Provinz Guria die Arbeiter und Bauern und stellten sich im offenen Kampf den russischen Soldaten. Sie unterlagen. Die Exekutionstruppen zogen über das Land, die flüchtende Bevölkerung vor sich hertreibend und brennende Dörfer zurücklassend. In den Bergen versteckt, sammelten die sozialistischen Führer das Volk zur Verteidigung gegen die zaristischen Truppen und gegen die bolschewistischen Nutznießer des Elends. Die Männer und Frauen, die den Truppen in die Hände fielen, standen und knieten in eisiger Kälte und auf nackten Füßen vor den geladenen Gewehren der Polizei, die sie zu11 Verrat an ihren revolutionären Führern zwingen wollte.

Jedoch auch die Verhaftungen und die Massenverbannungen nach Sibirien, die Vollstreckung unzähliger Todesurteile durch Erschießen oder Erhängen und die behördlich angeordneten Brandstiftungen vermochten es nicht, den freiheitlichen Geist des georgischen Volkes zu brechen. Die sozialistischen Organisationen bestanden im geheimen weiter und warben für den Kampf um die Befreiung von der zaristischen Willkür. Trotzdem die Sozialisten und Bolschewisten in gleicher Weise der Verfolgung ausgesetzt waren, bestand die Kluft zwischen den beiden Gruppen weiter und verstärkte sich noch eher durch die Forderung der Bolschewisten, dem Zaren Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Ihre Absichten und Ziele hatte die erste Revolution nicht erreichen können. Aber sie hatte die zaristischen Machthaber doch davon zu überzeugen vermocht, daß das russische Volk nicht mehr willens war, sich noch lange dem Absolutismus des Zaren zu beugen, und daß es eine entschiedene und gründliche Demokratisierung des Reiches forderte. Die Berater um den Zaren hielten nun doch den Zeitpunkt für gekommen, Vertreter des Volkes an der Regierung zu beteiligen, weil sie mit Recht fürchteten daß die Herrschaft des Zaren und die Monarchie überhaupt sonst nicht länger mehr zu halten waren und die revolutionären Gedanken nicht mehr zu unterdrücken sein würden, wenn sie sich allgemein verbreiteten. Der Gedanke der Volksvertretung wurde dann auch 1906 durch die Gründung der “Duma” verwirklicht. Mit der Duma aber erreichte der Absolutismus ebenso wenig sein Ende, wie der Forderung nach einer konstitutionellen Verfassung dadurch Rechnung getragen wurde. Der Duma kam keine gesetzgebende Aufgabe und keine Verantwortung zu; sie hatte nur das Recht der beratenden Mitwirkung; an ihre Entschlüsse war der Zar nicht gebunden.

So war die Einrichtung der Duma eine Halbheit, die die revolutionäre Bewegung nicht einzudämmen vermochte. Sie war aber immerhin ein Vorteil, weil sie das Volk ermächtigte, seiner Stimmung und seinen Wünschen Ausdruck zu geben, die früher nie bis an das Ohr des Zaren gedrungen waren. Die Sozialdemokratische Partei, die wenigstens den geringen Vorteil, den die Duma für das Volk brachte, ausnutzen wollte, entschloß sich ihrerseits, Abgeordnete in die Duma zu entsenden, um den Grundstein für die politische Demokratie zu legen. Von der Rednertribüne der Duma aus konnten die Sozialisten offen an die Vernunft der Völker appellieren und die 120- Millionenbevölkerung mit ihren befreienden Ideen vertraut machen. Die propagandistische und organisatorische Möglichkeit lohnte schon die Teilnahme an der Duma.

Wegen dieser unserer Taktik griffen uns, wie zu erwarten war, die Bolschewisten überaus heftig an. Sie betrachteten die Duma als eine reaktionäre Institution und warfen uns vor, uns mit dem Zaren verbrüdert und unsere Volksgenossen verraten zu haben. Unsere Absicht, friedlich und ohne Blutvergießen die menschenwürdige Gleichberechtigung der Volksgenossen mit jedem Mittel zu erreichen, lief natürlich den Bestrebungen der Bolschewisten, die daran festhielten, daß nur die Gewalt zum Ziele führte, zuwider.

Die Sozialdemokraten Georgiens beteiligten sich eifrig an den Wahlen. Wenn auch das Wahlsystem uns eine Vertretung nach der zahlenmäßigen Mehrheit nicht gestattete, so konnten wir doch eine größere Anzahl Abgeordneter entsenden, die unter der Führung von Jordania, Zereteli, Tscheidse und Gegetschkori standen.

Die georgischen Bolschewisten gründeten um diese Zeit ihre eine Zeitung “Der Kampf”, die sich eigentlich nur in einer gehässigen und giftigen Agitation gegen uns erschöpfte. Was sie politisch betrieb, war nichts anderes, als eine ewige Aufforderung zum Bürgerkrieg. Die gedankenlosen, irregeführten Anhänger und Nachschwätzer waren dann immer die Opfer der heraufbeschworenen Verfolgungen, denen sich die Anstifter meist zu entziehen verstanden, und bezahlten die Sünden der Führer mit ihrem Leben oder mit ihrer persönlichen Freiheit.

Im Jahre 1907 veröffentlichte ich einen Artikel: “Die bolschewistische Gefahr”, der die bolschewistische Taktik, die zum offenen Bürgerkrieg führen mußte, scharf kritisierte und als unmenschlich, als bewußt falsch aufgefaßter tatarischen Marxismus brandmarkte. Koba erwiderte im ,,Kampf” unser dem Titel: “Der sozialistische Popanz und verhöhnte mich und die Sozialisten in seinem charakteristischen Sarkasmus. Koba lehnte mit blutrünstigen Drohungen unseren Sozialismus, der für eine nationale Demokratie, für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfte, ab und schwor uns Rache, die die internationale Diktatur des Proletariats an uns schon nehmen würde. Die Gerechtigkeit, so wie er sie auffasste, lag nur in der einseitigen Bevorzugung des kleinen Teils des bolschewistischen Proletariats.

Die Unversöhnlichkeit zwischen beiden Lagern übertrug Koba auch von sich auf mich, obwohl ich ihm oft genug wissen ließ, daß ich sehr wohl die Weltanschauung von der Person zu trennen wüßte und keinen Groll gegen ihn als Mensch kennen würde. Es war die Schuld Kobas, daß der Abgrund der Feindschaft zwischen uns, den ehemals besten Freunden, sich fast täglich verbreiterte bis zu einem Ausmaße, über das es keine Brücke der Verständigung mehr gab. Koba und zwei ich – zwei Todfeinde im Kampf ohne Ende.

 

Ein Aufsehen erregender politischer Mord

Auf dem Wege von seinem Grundbesitz nach seinem Stadtschloß in Tiflis wurde im Jahre 1907 Fürst J. Tschawtschawadse mit barbarischer Grausamkeit ermordet. Tschawtschawadse war der berühmte klassische Schriftsteller und Dichter seiner Zeit, der Vater einer neuen georgischen Literatur Seine Werke und sein grundgütiges, väterliches Wesen, das ganz in der Liebe zum Volk und zur Heimat aufging, machten ihn in allen Volksschichten gleich beliebt. Er war der einzige Sprecher des georgischen Volkswillens in der Umgebung des Zaren. Die Bewohner von Tiflis sahen den Fürsten, der nie in seiner hochadligen Herkunft den Grund für die ihm zuteil gewordenen Ehrungen sehen wollte, oft unter sich wie jeden anderen Bürger der Stadt. Wer ihn nicht vom Ansehen kannte, kannte ihn aus seinen Dichtungen, die wirklich Allgemeingut des georgischen Volkes geworden waren.

Der Fürst war der erste öffentliche Streiter für die Abschaffung der Todesstrafe. In der Umgebung des Zaren trat er oft dafür ein und zog sich dafür den Unwillen des Zaren zu.

Die Mörder waren georgische Bolschewisten, die von der leninistischen Lehre einseitig gegen die Besitzenden aufgehetzt waren und den Erfolg ihrer Bestrebungen nur dann verbürgt sahen, wenn die politischen Gegner aus dem Weg geräumt waren. Das Rachegefühl ließ für die Art des Wegbereitens nur den Mord zu. Der Mord an allen Fürsten war für sie programmatische Notwendigkeit, die nicht darauf Rücksicht zu nehmen hatte, ob nun dieser oder jener Fürst tatsächlich schuld an den zaristischen Regierungsmethoden hatte oder nicht. Nach Meinung der Bolschewisten konnte es keinen Hochadligen geben, der menschliches Empfinden besaß und ein Freund der Niederen war. Tschawtschawadse war nun solch eine Ausnahmeperson. Seine Schuld aber sahen die Leute um Koba nur in seinem Stand und in seiner Eigenschaft als Großgrundbesitzer. Der Mord sollte der Anfang sein und die herrschenden, feudalen Kreise mit Schrecken erfüllen, um sie und alle politischen Gegner davon zu überzeugen, dass der Bolschewismus mit allen Mitteln die Macht zu erstreben im Begriffe war. Der Mord an dem Fürsten hatte jedoch allen Vernünftigen und selbst den politisch Wankelmütigen, die zwischen Sozialdemokraten und Bolschewisten pendelten, die Augen darüber geöffnet, welches System der Bolschewismus betrieb und was von der kommenden Befreiung durch Lenin und seine Anhänger zu erwarten war: blutdurstiger Terror und Tyrannei, wie nicht einmal zu Zeiten des russischen Mittelalters. Indirekt stand auch Koba hinter Mord. Er war der Antreiber zu allen Freveltaten, der haßerfüllte Agitator.

Die Nachricht von der Ermordung des Fürsten löste in ganz Georgien eine allgemeine Trauer und flammende Empörung gegen die Leninisten aus. Lange stand das gesellschaftliche und politische Leben Georgiens wir unter dem Eindruck des gräßlichen Mordes. Das Volk, vom Arbeiter bis zum Feudalen, war jäh und tiefinnerlich erschüttert. Die Suche nach den Mördern glich einer allgemeinen Volksbewegung, von der sich nur die wenigen Bolschewisten ausschloßen. Die Mörder konnten auch bald gefaßt und hingerichtet werden. Sie wurden gegen den Willen der Fürstin-Witwe gehängt. Sie wollte im Sinne ihres Mannes die Todesstrafe nicht vollstreckt wissen.

Die Sozialdemokratische Partei und ihre Presse brandmarkte die Ermordung als eine unerhörte nationale Schande. Um ihren Führer Jordania scharte sich in tiefer Trauer das georgische Volk in einer unermeßlichen Menge und gab dem großen toten Dichter das letzte Geleit. Jordania legte im Namen des Volkes einen riesigen Kranz auf das Grab pries noch einmal den Dichterfürsten, seine hohen menschlichen Eigenschaften, seine Vaterlandsliebe und seinen unsterblichen Ruhm und verdammte die ruchlosen, viehischen Mörder.

Stalin

Die Art des politischen Kampfes, wie Koba ihn führte und schürte, hatte nichts mehr mit dem heldenmütigen Kampf seines Vorbildes in Kasbekis Roman zu tun. Koba-Stalin war kein Held, wie der wirkliche Koba es war, dessen Liebe zum Volk grenzenlos war, und der aus reinstem Idealismus für die Befreiung des unterdrückten Heimatlandes focht. Koba-Stalin dachte in seinen ehrgeizigen, selbstsüchtigen Plänen nicht mehr an das unterdrückte Volk dessen Lebensrecht es zu erringen galt. Hinter der Heuchelei seines Sozialismus verbarg sich sein persönliches, skrupelloses Streben nach Macht, das ihn naturgemäß in eine feindliche Front gegen die Verfechter einer ehrlichen Demokratie bringen mußte. In einer Demokratie konnte er keine Erfüllung seiner Wünsche sehen; er durchkreuzte sie. Die nationale Freiheit des Vaterlandes galt ihm nichts mehr. Der Ausdehnung seines Machtwillens wollte er keine Grenzen gezogen wissen. Rußland und die ganze Welt mußten ihm offen stehen. Unter Mißbrauch des Rufes der aufrecht und geistig für die Befreiung aller Unterdrückten kämpfenden Sozialdemokraten: “Proletarier aller Länder vereinigt euch! Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!” sammelte er um sich eine Schar willfähriger und willenloser Anhänger und erzog sie klug berechnend, ihnen alles versprechend, zu seinem ureigensten Werkzeug. Existenzentwurzelte aller Art erhofften sich von einer Ära Lenin und Koba Erfüllung ihrer Wünsche; größenwahnsinnige Literaten schmeichelten sich in den Ruhm einer kommenden Unsterblichkeit hinein; kriminelle Verbrecher suchten den sie schützenden Hort und Abenteurer glaubten an die kommende Zeit einer völlig gesetzlosen Ungebundenheit, in der jeder nicht nur nach seiner Fasson auf Erden selig werden könnte, sondern auch selig werden müßte, weil es ja keine Sorgen mehr geben dürfte.

Im Jahre 1907 starb nach nur vierjähriger Ehe Kobas Frau, diese echt georgische Frau, die hangend und bangend um das Schicksal ihres Mannes bekümmert war. Unzählige Nächte in heißen Gebeten verbringend, hatte sie auf ihren Soso gewartet, wenn er wieder heimliche Versammlungen hielt. Sie betete für die Abkehr Kobas von seinen gottversuchenden Ideen und für ein friedliches Familienleben in Arbeit und Zufriedenheit. Sie hinterließ Koba einen Jungen, der in Jahren 1918—1920 am Gymnasium zu Tiflis mein Schüler war.

Unsere Feindschaft hielt mich nicht ab, Koba zu besuchen, um ihm nach alter Freundessitte Trost zuzusprechen. Er war sehr traurig und empfing mich wie ehedem freundlich. Sein blasses Gesicht spiegelte sein seelisches Leid wider, das der Tod seiner treuen Lebensgefährtin ihm, dem sonst so harten Manne, aufzwang. Seine seelische Erschütterung über den Verlust muß sehr groß und nachhaltig gewesen sein, da er sie auch gegenüber anderen Menschen nicht mehr zu verbergen wußte. Ich fühlte an seinem Händedruck und seinem dankbaren Blick, daß ihm mein Mitgefühl an seinem Leide wohltat. Er mochte wohl einmal mit innerer Wärme wieder an unsere Kinder- und Jünglingszeit und an unsere einst so ehrliche Freundschaft gedacht haben. Wie in den alten, glücklichen Jahren waren wir wieder die Freunde, die noch keine politische Weltanschauung trennte. Ich wußte, daß Koba seiner edlen Frau, die immer bereit war, jedes Opfer für ihren Mann und Kind zu bringen, ein glückliches Familienleben verdankte, das der Tod nun jäh zerrissen hatte. Der innerlich so unruhige Mensch, der sich bei jedem Schritt und bei jedem Handeln von den zaristischen Geheimpolizisten verfolgt und überwacht sehen mußte, hatte nur im ärmlichen Heim seiner Familie Liebe gefunden und empfangen dürfen. Von der Verachtung, die er allen Menschen entgegenbrachte, schloß er nur seine Frau, sein Kind und seine Mutter aus.

Ich habe Koba mein Beileid ausgesprochen. Es war ehrlich mitfühlend und besorgt, weil ich wußte, daß nunmehr der letzte moralische Halt von Koba genommen war, und daß er fortan sich ganz seinen phantastischen Plänen hingeben würde, die ihm nur Ehrgeiz und Rache diktierten.

Vor der im Hause versammelten Trauergemeinde hielt ich die Trauerrede an die Tote und an den schmerzgebeugten Mann, der in Liebe sein Kind an sich preßte.

Die Tote wurde dann nach griechisch-katholischem Ritus zu Grabe getragen. Koba hatte gegen die Anwesenheit der Geistlichen nichts einzuwenden. Die Verwandten seiner Frau hatten auf einer kirchlichen Beerdigung bestanden. Er ließ eine solche auch umso lieber zu, als er wußte, daß er seiner Frau damit den letzten Wusch an das Leben erfüllte. Dem Sarge voran schritten die Geistlichen in ihren gelben, glänzenden Kirchenhemden von Seide und Spitzen und sangen vielstimmig die Totengebete. Hinter dem Sarge schritten Koba und ich. Stumm und fest hing Koba an meinem Arm, den Blick unverwandt auf den Sarg gerichtet. Als wir den Eingang des Friedhofes erreichten, drückte er fester meinen Arm, deutete auf den Sarg und sagte zu mir:

“Soso, dieses Wesen hat mein steinernes Herz weich gemacht; sie ist gestorben und mit ihr das letzte warme Gefühl für die Menschen”

Er legte seine rechte Hand auf die Brust:

“Hier drinnen ist alles so hohl, so unsagbar leer!”

Von dem Tage an, da er seine Frau zu Grabe trug, hatte er den letzten Rest menschlichen Empfindens verloren. Sein Herz füllte sich mit unaussprechlich bösem Haß, den sein mitleidloser Vater schon in dies Kindheit des Sohnes zu säen begann. Er mißachtete sein trauriges, von Not erfülltes Schicksal und zwang mit Sarkasmus die immer seltener aufkommenden moralischen Hemmungen nieder. Erbarmungslos wie gegen sich selbst, wurde er gegen alle Menschen.

Mehr noch als bisher und mit skrupellosem, nur auf die Politik des Bolschewismus gerichtetem Eifer warf er sich in den Kampf für die leninistische Lehre. Er machte sich zum eifrigsten Verfechter und Organisator des bewaffneten Aufstandes und des zielbewußten, planmäßigen Mordes an Fürsten, Geistlichen und Bürgern. Seine einseitige, politische Weltanschauung umfaßte nicht einmal das Programm des Bolschewismus. Er beschränkte seine Begeisterung für die Lehre Lenins auf den programmatisch geforderten Terror, dessen Exekutor zu werden er anstrebte.

Eine deutliche Offenbarung seiner Gefühle gaben seine Artikel, die er in den illegitimen, leninistischen Zeitungen Großrußlands veröffentlichte. Damals gebrauchte er in diesen Artikeln zum ersten Male das Pseudonym “Stalin”, “Mann von Stahl”.

Die lebhaft tätige zaristische Geheimpolizei gelangte in den Besitz dieser bolschewistischen Zeitschriften, ermittelte und verhaftete schnell den “Stalin”. Einige Monate nach dem Tode seiner Frau verbannte ihn der zaristische Statthalter Kaukasiens lebenslänglich nach Sibirien.

Als Student der Handelshochschule zu Kiew in der Ukraine habe ich einige seiner Artikel in illegalen bolschewistischen Zeitschriften gelesen

 

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